Gastbeitrag: Ein Toast auf den Science-Fiction-Film
1902 erstaunte DIE REISE ZUM MOND von Visionär George Méliès nicht nur mit satten 16 Minuten Laufzeit, sondern war auch der Pionier in Sachen Science-Fiction und sorgte auf der ganzen Welt für Furore. Nach weiteren kleinen Meilensteinen, von der so mancher nicht in Gänze bis heute überdauern konnte, entwickelte sich das Genre immer mehr zum Kompensationswerkzeug menschlicher Ängste, gab dem Fremden ein Gesicht – und wurde somit in vielerlei Hinsicht zum politischen Kommentar. Schließlich produzierte man kleiner, schneller und günstiger. Bekanntagtes wurde bis zur Unkenntlichkeit recycelt und auch die Großen wie 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM und PLANET DER AFFEN, der ja seinerseits vier Fortsetzungen nach sich zog, wussten die Krise nicht zu beenden. Es kam aber auch die Zeit von Klassikern wie SOYLENT GREEN, LOGAN’S RUN, LAUTLOS IM WELTRAUM und THX 1138. Der Regisseur des letztgenannten Filmes war es dann auch, der die große Wende herbeiführte und das Feld für immer umgrub: KRIEG DER STERNE machte aus Science-Fiction ein Märchen und ließ die Horden um ganze Häuserblocks für sich anstehen.
Von hier an änderte sich die öffentliche Wahrnehmung des Genres zwar erheblich, die Studios selbst reagierten aber träge wie eh und je. Die Fernsehserie STAR TREK wurde ins Kino übersetzt, ALIEN setzte neue Akzente und wurde demzufolge zur Tetralogie erweitert. Ausnahmen wie BLADE RUNNER sorgten zwar für frischen Wind, doch setzte man in erster Linie weiterhin auf Bewährtes, bemühte sich, jeden Erfolg in Reihe zu bringen. Mittlerweile ist ja auch die BLADE RUNNER-Fortsetzung bereits am Köcheln. Und so weiter.
Seit ein paar Jährchen schon scheint es im Genre aber wieder mal zu kriseln. Sieht man von Michael Bays Spielzeugrobotern und den sich überschlagenden Comicverfilmungen ab, liegt der letzte große Hit doch eine ganze Weile zurück. IRON SKY enttäuschte, SOURCE CODE geriet ebenso wie TRON: LEGACY trotz der Lorbeeren geschwind in Vergessenheit, JOHN CARTER floppte und fast alles, was erwähnenswert wäre, fristet ein Nischendasein. Doch möchte ich keineswegs einen Abgesang auf Science-Fiction im Film anstimmen. Da geht es anderen Sparten deutlich schlechter. Wie oft zum Beispiel bekommt man heutzutage noch einen klassischen Abenteuerfilm auf der Leinwand präsentiert? Jedes Genre hat Talfahrten zu überstehen, aber kaum eines fällt tatsächlich endgültig dem Zeitgeist zum Opfer. Im Gegenteil, mir steht der Sinn nach einem Plädoyer.
Häufig werde ich gefragt, was denn so betörend an der Zukunftsmusik sei. Vielen fehlt nach eigener Aussage der Zugang. Aber oft wird Science-Fiction eben auch assoziiert mit sterilem STAR TREK-Einerlei, mit pseudowissenschaftlichem Gesülze, bunten Uniformen oder Effektgeschredder im schwarzen Nichts mit weißen Tupfern. Dabei ist doch kein zweites Genre so offen und voller Möglichkeiten wie dieses. Dadurch, dass keine zeitliche Gebundenheit besteht, sind auch der zu erzählenden Geschichte keinerlei Schranken gesetzt. Lediglich die Fantasie umgrenzt das Feld. Ausgerichtet in eine nicht festgelegte Form der Zukunft, kann sich der Erzähler sämtlicher Fesseln entledigen und in jede nur erdenkliche Richtung ausschweifen, das Geschehen in jeder vorstellbaren Realität abspielen lassen. Man hat keine Verpflichtungen gegenüber Akkuratesse hinsichtlich Geschichte, Politik, Gesellschaft und nicht zuletzt Physik. Vielmehr darf man der Kreativität einen Freibrief in die Hand drücken und sie von der Leine lassen. Dass die Herausforderung, den Anforderungen dieser Beschränkungen gerecht zu werden, einen ganz eigenen Reiz hat, soll hier natürlich nicht in Abrede gestellt werden.
Freilich lässt sich auch dem Schwestergenre Fantasy eine ganz ähnliche Unabhängigkeit attestieren, doch sind die Geschehnisse hier meist auf eine homogene Welt beschränkt und Raumschiffe ein Tabu. Nur allzu oft bezieht sich Fantasy mehr auf eine nie dagewesene Vergangenheit denn auf eine unwahrscheinliche Zukunft und ist damit in gewisser Weise das Gegenteil futuristischer Gedankenspiele. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Natürlich gibt es gute Gründe dafür, dass all die theoretische Freiheit nicht ausgeschöpft wird. Der Zuschauer wünscht sich vertraute Bezugspunkte und Orientierungshilfen – je abgehobener und wirklichkeitsferner die Story, desto krümeliger die Zielgruppe. Die Kunst ist es, das optimale Mittelmaß zu finden. Doch genau hier wird es spekulativ und große Studios wollen es sich bekanntlich nicht leisten, risikoreich zu spielen. Daher werden bewährte Rezepte marginal abgewandelt, miteinander vermischt oder eben mit bunteren Zutaten neu aufbereitet und als längst überfälliges Remake verkauft. Dies ist beileibe kein Phänomen, das sich auf Science-Fiction beschränkt. Aber nirgendwo sonst ist es so schade.
Selbstverständlich ist das Reden über Genres und ihre strikten Grenzen in den meisten Fällen Humbug. Nicht zuletzt beweisen Serien wie FIREFLYund FARSCAPE, wie hervorragend insbesondere gewagte Mixturen funktionieren können. Bezeichnenderweise wurden diese Vertreter aber auch beide abgesetzt. Trotzdem, einen reinrassigen Science-Fiction-Film gibt es natürlich nicht.
In einem Satz: Science-Fiction ist super, weil ihr potenziell die meisten Möglichkeiten offenstehen. Es bleibt nur darum zu bitten, diese auch auszuschöpfen. Sich etwas zu trauen, nicht auf verkrusteten Strukturen zu beharren und tatsächlich einmal den Aufbruch in die unendlichen Weiten zu wagen. Prinzipiell sieht die Zukunft rosig aus: Filmproduktion wird stetig erschwinglicher, glaubwürdige Effekte lassen sich immer einfacher realisieren und das Wagnis, Neuland zu betreten, schrumpft beständig. Es ist die Zeit für Experimente.
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Gastbeitrag von Martin Ramm, Chefredakteur von SciFiFilme.net.
SciFiFilme.net ist der Hort für alles Zukünftige in Film und Fernsehen. SciFi-Serien, SciFi-Filme, SciFi-News haben hier ihren Platz und erfahren ihre wohlverdiente wie kritische Betrachtung. Die prominenten Vertreter wie Star Wars, Star Trek, Stargate und Dr. Who werden hier ebenso Erwähnung finden wie Nischenprodukte und Geheimtipps. Das Alter spielt dabei keinerlei Rolle – dies hier der Platz für aktuelle Blockbuster und Klassiker gleichermaßen, sind sie doch sämtlich in die Zukunft gerichtet.


















Interessante Standpunkte, die du da vertrittst. Bei der eingangs erwähnten Geburtsstunde des SciFi durch Meliès würden dir zwar manche widersprechen, aber eigentlich ist das ein spannender Gedanke.
Aber ich muss dir auch widersprechen, SciFi geht es nicht schlecht. Im Gegenteil, das Genre kann und konnte sich immer mehr etablieren und ist salonfähig. Klar, wo viele Vertreter sind, gibt es auch Flops, aber etwa Moon oder District 9, die ich jetzt von dem was ich darüber weiss, auch unter SciFi einordnen würde, kamen ja sehr gut an. SciFi ist schon lange nicht mehr “nur” für die Nerds und Geeks.
Warum fandest du denn Iron Sky einen Flop? Der Film war ein Grosserfolg. Klar, er spielte nicht viel ein, und war vieldiskutiert, aber das wollte der Film auch, und dafür, dass es eine so kleine Produktion war, sind 8 Millionen Einnahmen wirklich verdammt gut.
Hallo Owley und danke für den Beitrag.
Ich fürchte, ich muss in meiner Antwort etwas spitzfinder werden, als ich eigentlich wirken möchte – ich hoffe, das kommt nicht falsch rüber.
Méliès hab ich nicht als Gründer, sondern als “Pionier” betitelt – den absoluten Urpsrung zu nennen, ist ja eh immer etwas schwierig. Aber hoffähig wurde Science Fiction im Film schon durch Méliès, denke ich. Aber ja, das ist natürlich auch immer Ansichtssache.
Grundsätzlich, allein von der allgemeinen Auffassung her, geht es dem Genre sicherlich wirklich nicht “schlecht”, aber die wirklich großen, künstlerisch wie finanziell erfolgreichen Filme bleiben ja doch schon ein ganzes Weilchen aus. Natürlich kann Avatar hier als Gegenbeispiel und große Ausnahme herhalten. Dessen Erwähnung habe ich ehrlich gesagt schlichtweg im Text versäumt.
Deine Beispiele Moon und District 9 fallen für mich auch noch unter “Nischendasein”, wobei du da natürlich schon zwei sehr populäre Vertreter rausgepickt hast. Aber trotzdem – ein paar Monate nach der Kinoauswertung sind die Filme nicht mehr im Gespräch. Aber auch das ist natürlich ein generelles Phänomen in der Rezeptionslandschaft…
Andererseits kann die Haltbarkeit im Kollektivgedächtnis natürlich kein Wertmaß sein – ich wollte nur darauf hinweisen, dass in Sachen Sci-Fi so viel möglich wäre. Und sich so wenig getraut wird. Deshalb scheint mir das Genre angesichts seines Potenzials einfach beizeiten etwas unterfordert.
Iron Sky habe ich nicht als “Flop” betitelt, sondern John Carter. Iron Sky war für mich einfach nur eine Enttäuschung – und so ging es ja einigen. Dass die Einnahmen absolut genügten, zeigt ja nicht zuletzt die Tatsache, dass fleißig daran gewerkelt wird, die Mythologie zur Serie auszubauen.
Sorry für das etwas ungenaue Zitieren. Wollte dir da natürlich nichts in den Mund legen, aber plusminus meinte ich ja eigentlich dasselbe. ;)
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Für mich hatte SciFi halt immer seinen Start in den 70ern/80ern mit Star Wars und Konsorte. Aber das war wohl eher die Blütezeit, mit Méliès ging das Ganze vermutlich so richtig los. Also im grossen Stil.
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Und ja, du hast schon Recht – die grossen SciFi-Filme fehlen, auch wenn es durchaus Gegenbeispiele gibt. Aber ich glaube einfach, dass es einfach viel mehr Auswahl gibt. Ist wie ein bisschen im Musikbusiness, DEN grossen Star gibts nicht mehr, das Feld wird andauernd breiter. Die Filme sind schon da, wie etwa der von dir genannte Avatar oder auch Inception – das sind Filme, über die redet man immer noch, und die werden (gewagte Aussage, ich weiss) vermutlich auch in die Filmgeschichte eingehen. Klar ist es nicht klassisches SciFi wie anno dazumals, aber das passt doch ganz dazu – das Genre verändert sich andauernd. Vermutlich wäre schon mehr Potential vorhanden, man hat sich aber auch zu oft zur Lachnummer gemacht, und deshalb gibt es jetzt diese kollektive Zurückhaltung. Aber oben genannte Beispiele, haben gezeigt, dass es durchaus funktionieren kann, und ich glaube, langsam kommt wieder etwas Leben ins Genre.
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Und ich glaube nicht, dass Iron Sky allgemein enttäuscht hat. Das Echo war gleichermassen positiv wie negativ, und das war – bin ich überzeugt – durchaus gewollt, zumal der Film nicht zufällig so provokativ und klischiert ist.
Du hast sicher nicht ganz Unrecht – dadurch, dass das Angebot in so kurzer Zeit massiv an Breite zugelegt hat, verschwindet natürlich auch die Chance darauf, etwas zu produzieren, das länger als 6 Monate aktiv in Erinnerung bleibt.
Nolans Batman-Trilogie z.B. beweist aber, dass es durchaus möglich ist, derartiges zu schaffen. Sicher ist auch Batman auf seine Weise Science Fiction – aber wie gesagt, darum ging es ja gar nicht. Es ging viel mehr um das immer noch unerschlossene Potenzial, das nirgendwo sonst so groß ist.
Dass Iron Sky allgemein enttäuschte, sagte ich nicht (auch wenn der Rotten Tomatoes-Wert von 40% und einschlägige deutschsprachige Kritikerseiten nicht gerade euphorisch klingen), sondern dass es “einigen” so ging.
Für mich war das Ganze einfach sehr hohl und hat neben der Prämisse, die sich bald erschöpft hatte, gar nichts geboten. Auch keine Provokation, denn Naziblödeleien gab es ja schon zuhauf. Die im vornherein konstruierten Erwartungshaltungen spielen da natürlich eine eklatante Rolle.
Ausführlich kannst du das auch auf http://www.scififilme.net/iron-sky-wir-kommen-frieden.htm nachlesen.