Gravity

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Alfonso Cuarón – Ein Mann mit vielen Facetten

Regisseur Alfonso Cuarón ist wie eine Wundertüte. Man weiss nie was man als nächste von ihm erwarten darf. 1995 lieferte er sein Hollywood-Debut A Little Princess, einen bezaubernden kleinen Märchenfilm für die ganze Familie, ab. 2001 gelang ihm ein internationaler Erfolg mit Y Tu Mamá También – Lust for Life, einer erotischen Tragikkomödie – nur um drei Jahre später Harry Potter einen neuen, düsteren Look zu verpassen. 2006 zeichnete er dann, in seinem vorerst letzten Spielfilm Children of Men, ein düsteres Bild unserer Zukunft. Der Film wurde von den Kritikern gelobt, an den Kinokassen enttäuschte er hingegen.

Mit Gravity kehrt Cuarón nach sieben Jahren Absenz wieder zurück ins Kino und liefert gleich ein Meisterwerk ab. Dabei beginnt eigentlich alles ziemlich harmlos. Der Film beginnt mit einem Weltraumspaziergang einer dreiköpfigen Nasa-Crew, die einige Arbeiten am Hubble-Teleskop durchführen muss. Darunter befindet sich auch die Medizintechnikerin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock), die sich auf ihrer erster Weltraum-Mission befindet und von dem erfahrenen Astronauten Matt Kowalsky (George Clooney) geleitet wird. Es ist Matts letzte Mission und so unterhält der alte Fuchs seine Kollegen während der Arbeiten laufend mit witzigen Anekdoten aus vergangenen Tagen. Alles läuft rund, bis plötzlich Trümmerteile eines veralteten Satelliten unkontrolliert auf die Crew zu rasen und alles vernichten, was ihnen in den Weg gerät. Jetzt beginnt für die beiden einzigen Überlebenden, Ryan und Matt, ein verzweifelter Kampf ums Überleben.

Achterbahn der Gefühle

Die Story ist schnell erzählt und der Trailer gibt einen ersten Eindruck, ohne jedoch zuviel weg zu geben. Die Szenen aus dem Trailer lassen vermuten, dass Bullock nach dem Unglück auf sich allein gestellt ist, doch das ist nur der Beginn des Wegs. Denn als sie in die unendlichen Weiten des Weltraums driftet, scheint bereits alles verloren. Trotzdem keimt schon bald wieder Hoffnung auf eine Überlebenschance für Matt und sie auf. Das Ziel zur nahe gelegenen ISS-Station und von dort aus zurück zur Erde zu gelangen rückt immer wieder in greifbare Nähe, nur um im nächsten Augenblick wieder in weite Ferne zu rücken. Dass diese Odyssee fesselt, anstatt zu ermüden, ist gleich mehreren Faktoren zu verdanken. Einerseits halten einem die spektakulären Geschehnisse, gepaart mit poetischen Weltraum-Bildern pausenlos unter Strom und andererseits erfahren wir im Verlauf der Geschichte mehr und mehr über die beiden Charaktere. Seine wahre Prächtigkeit erfährt Gravity aber erst auf seiner metapyhsischen Ebene. Sandra Bullocks Charakter macht eine grosse emotionale Entwicklung durch, die sich um die Wertschätzung des Lebens dreht. Untermalt werden diese Szenen durch symbolische Bilder. In einer Szene zieht sich Ryan Stone in ihrer Raumkapsel zusammen, wie ein Embryo im Mutterleib. So überrascht Gravity letztlich nicht nur durch seine visuellen Aspekte und den Thrills, sondern auch durch seine emotionale Tiefe, die mich so stark wie kaum ein Film der letzten Jahre bewegen konnte.

Dass Alfonso Cuarón als Kind Astronaut werden wollte (dann aber eine Videokamera geschenkt bekam) und später Philosophie studierte, ist dem Film deutlich anzumerken. Er wurde von jemandem gemacht, der weiss wovon er spricht. Das macht Gravity gleichzeitig zum wissenschaftlich akkuraten Weltraumabenteuer mit epischer Bildsprache und zum philosophischen Kammerspiel. Für den Zuschauer heisst das 90 Minuten emotionale Achterbahnfahrt erster Güteklasse.