Snow White and the Huntsman

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Als ich zu Beginn des Jahres eine Liste mit 12 „Freu-Filmen aufgestellt hatte, orientierte ich mich an den Regisseuren, dem Cast, der Storyline und womöglich an ersten Bildern oder sogar Trailern zu Filmen, die erst Monate später tatsächlich ins Kino kamen. SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN war so einer dieser 12 Filmhilights 2012.

Damals schrieb ich dazu:

[…], weiss SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN durch einen neuen Twist und wirklich starken (um nicht zusagen: epischen) Bildern zu gefallen. Freuen wir uns auf ein grosses Abenteuer, dass schon mal sehr an DER HERR DER RINGE erinnert.

Bei SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN handelt es sich um ein Re-Imagining der altbekannten Schneewittchen-Geschichte der Gebrüder Grimm. Ein Re-Imagining ist so etwas wie ein Remake, bei dem jedoch die Geschichten neu erzählt wird und dabei unter Umständen erheblich vom Originalstoff abweichen kann. Regie-Neuling Rubert Sanders geht mit seiner Interpretation des klassischen Stoffes in der Tat neue Wege. Besonders das Element der Magie wird in SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN viel stärker betont. In einem aufblühenden Reich, das von einem gütigen und gerechten König regiert wird, reisst eine skrupellose Hexe mit Gewalt die Macht an sich und lässt alles um sich herum in Dunkelheit verfallen. Um sich Jugend, Schönheit und Macht zu bewahren, muss die neue Königin die wahre Erbin des Königreichs vernichten. Mit dem Versprechen, ihm im Gegenzug seine verstorbene und über alles geliebte Frau zurückzubringen, überredet sie den furchtlosen Huntsman, Snow White zu zu ihr zu bringen. Doch als der Jäger herausfindet wer sie wirklich ist und welch übles Spiel die böse Königin treibt, verbündet er sich mit der Gejagten und ziehen gemeinsam mit ihr und einer Rebellenarmee gegen die böse Königin in die Schlacht.

Filmszene: SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (2012)

Genau wie bei DER HERR DER RINGE, beginnt der Einstieg in den Film mit einem Monolog aus dem Off. Auch sonst erinnert vieles an SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN an Peter Jacksons Meisterwerk. Die beiden Filme scheinen im selben Universum stattzufinden und man hat immer wieder das Gefühl, alles irgendwo schon mal in Mittelerde gesehen zu haben. Das ist an und für sich weit weniger schlimm als es sich jetzt vielleicht anhört. Denn letzlich ist die Umsetzung wirklich gelungen und zumindest visuell braucht sich der Film nicht vor dem grossen Vorbild zu verstecken. Schliesslich ist es genau das, was ich mir auch von dem Film versprochen hatte. Auch an andere Filme, wie Ridley Scotts GLADIATOR oder ROBIN HOOD, fühlt man sich immer wieder erinnert.

Die Storywendungen sind grösstenteils ebenfalls sehr gelungen und heben sich insbesondere von der wohl bekanntesten Leinwandadaption, nämlich der animierten von Walt Disney, wohltuend ab. Selbstverständlich wird auch diesem Film Tribut gezollt. Besonder eine Szene, bei der Snow White auf ihrer Flucht im dunklen Wald landet und von Halluzinationen getrieben nur noch dunkle Kreaturen um sich herum sieht, ist ganz offensichtlich eine – brilliant umgesetzte – Verneigung an die Szene aus SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE (1937), bei der Schneewittchen ähnliches durchlebt.

Filmszene: SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (2012)

Soweit so gut. Doch der Film erlebt im letzten Drittel des Films einen echten Durchhänger. Zuerst stösst Snow White mit ihrem Gefährten Huntsman auf die obligatorischen sieben Zwerge, die man am besten als sehr klein geratene Stammgäste eines englischen Pubs beschreibt und dem Film eine coole Prise Humor verpassen. Zusammen landen sie inmitten der düsteren Welt Mordors in der sie leben, in eine Art Oase mit lustigen Kreaturen. Genau ab diesem Zeitpunkt, verliert der Film seine düstere Grundstimmung und seinen düsteren Ton und man findet sich inmitten einer idyllischen bunten Walt Disney Welt mit süssen Hoppelhäschen, Füchschen, Schmetterlingen und Feen wieder. Auch wenn diese Szene höchsten fünf Minuten des ganzen Films ausmachen, ist danach der Rhytmus des Films nicht mehr der Selbe und wird gegen Ende zuweilen sogar fast lachhaft.

SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (2012)

Dies wäre zu vermeiden gewesen. Besonderen Schaden fügt dem Film – und nichts gegen TWILIGHT – die immersüsse Kristen Stewart zu. Man kauft ihr den Imagewechsel von der Bella zur Snow White einfach nicht ab. Sie scheint im Film nicht mal grossartig zu versuchen, einmal einen Image-Wechsel einzuschlagen. So lange sie die süsse, zerbrechliche Snow White ist, passt das alles ja noch halbwegs. Doch sobald Stewart in die Ritterrüstung steigt (was optisch ja gut aussehen mag), sind ihr jede Menge unfreiwilliger Lacher zu verdanken. Der Wandel vom zarten Prinzesschen zur toughen Kämpferin ist überhaupt nicht nachzuvollziehen. Das Selbe gilt für Schneewittchen als Leader-Persönlichkeit. Wie es sich für eine Anführerin im Krieg gehört, versucht sie sich gegen Ende des Films in einer Motivationsrede (à la BRAVEHEART) vor ihren Getreuen. Natürlich funktioniert im Film ihre Brandrede perfekt und die tapferen Soldaten ziehen mit ihr in den Krieg. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich mich ab ihrem hysterischen Geschreihe wohl entweder todgelacht oder sie mit einer Filmrequisite erstochen. Symbolisch für Stewarts übertheatralisches Schauspiel sind auch die zahlreichen Szenen im Film, in denen Snow White jeweils ihren Gefühlen (der Angst, des Glücks etc.) durch heftiges senken und heben ihres Brustkorbes (tiefes Atmen) Ausdruck verleiht. Für mich ist Kristen Stewart leider eine riesen Fehlbesetzung, die dem Film im Endeffekt auch tatsächlich schadet.

Filmszene: SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (2012)

Chris Hemsworth macht seine Sache gut und es ist verständlich, dass man auch seiner Figur ein Spin-off machen will – in dem Snow White nicht vorkommen wird. Auch Charlize Theron, ihres Zeichens Oscar-Preisträgerin, spielt die böse Königin überzeugend, obwohl auch sie stellenweise den Drang zum Overacting verspürt. Sam Claflin, der Snow Whites Jugendfreund und eigentlicher Held spielt, bleibt schauspielerisch genauso blass wie Schneewittchens Haut.

Filmszene: SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN (2012)

Unter dem Strich funktioniert SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN gut als Hommage an Klassiker wie THE LORD OF THE RINGS oder GLADIATOR, ohne jedoch deren Klasse zu erreichen. Dafür ist er viel zu wenig eigenständig und wartet neben einer fehlplatzierten Kristen Stewart auch mit unzähligen Logiklöchern auf. Nachdem der Film in den ersten zwei Dritteln durchaus zu fesseln vermag, fällt er im letzten Akt deutlich ab und hinterlässt dadurch einen etwas fahlen Nachgeschmack. Alles in allem wird man aber auf technisch sehr hohem Niveau bestens unterhalten.