Elysium

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Das Wort Elysium entstammt der griechischen Mythologie und bedeutet soviel wie „Insel der Seligen“. Gemeint ist ein paradiesischer Ort, zu dem – gemäss Wikipiedia – jene Helden entrückt werden, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Genau so ein Platz, von Menschenhand geschaffen, existiert auch in Neill Blomkamps Sci-Fi Actiondrama ELYSIUM.

Wie schon in seinem genialen Kinodebüt DISTRICT 9, dient dem südafrikanische Regisseur Blomkamp diese Zukunftsvision als Parabel zum Thema Apartheit. War es in DISTRICT 9 noch eine auf der Erde gestrandete Alienrasse, die man in einem Township von Johannesburg eingepfercht hat, so ist es in ELYSIUM die gesamte Menscheit, die ein Leben zweiter Klasse auf der Erde führt. Zumindest gilt das für alle, die nicht privilegiert sind und sich ein Leben auf einem Stanford Torus, den man Elysium nennt, leisten können. Und das wollen alle, denn man schreibt das Jahr 2154 und die Erde ist schwer gekennzeichnet von Überbevölkerung, Krankheiten und Armut. Der einst blühende Planet ist zum globalen Slum verkommen. Auf Elysium hingegen kennt man weder Armut, noch Krieg, noch Krankheiten. Letztere können mit privaten bettähnlichen medizinischen Geräten, Med Pods gennant, innerhalb von wenigen Minuten geheilt werden. Klar also, dass Elysium jede Menge potentieller Flüchtlinge von der Erde anzieht. Einige von ihnen möchten für immer dort leben, andere einfach nur sich selber oder ein Kind von einer auf der Erde unheilbaren Krankheit oder Behinderung heilen lassen.

Die Ausgangslage liest sich soweit faszinierend und auch optisch ist der Film mehr als eindrücklich. Die Schwäche liegt im Drehbuch. Praktisch der ganze Storyaufbau hängt von unzähligen Zufällen ab. Eröffnet wird die Geschichte mit einem Blick in die Kindheit von Max DeCosta (Matt Damon), der in einem Waisenhaus von Nonnen aufgezogen wird. Dort trifft er auf die gleichaltrige Frey (Alice Braga), die zu seiner besten Freundin wird und mit der er es eines Tages nach Elysium schaffen will.

Szenenwechsel. Max DeCosta, mittlerweile erwachsen, hat schon viel hinter sich. Als notorischer Unruhestifter hat er eine Gefängnisstrafe hinter sich und ist auf Bewährung. Eigentlich will er nur in die Fabrik zur Arbeit gehen, wo er als Fliessbandmitarbeiter tätig ist. Doch auf dem Weg dorthin gerät er in eine routinemässige Polizeikontrolle, wo er wegen seines losen Mundwerks brutal niedergeknüppelt und verletzt wird. Parallel dazu eröffnet sich ein zweiter Handlungsstrang, in dem eine Schlepperbande versucht, Flüchtlinge illegal nach Elysium zu bringen. Dieser Versuch wird von der resoluten Verteidigungsministerin Delacourt (Jodie Foster) brutal unterbunden. Wegen ihres harten Vorgehens und wegen dem verbotenen Einsatz des Undercover-Agenten Kruger (Sharlto Copley), wird Delacourt von Elysiums Präsidenten Patel (Faran Tahir) scharf kritisiert. Währenddessen muss Max ins Krankenhaus, um sich seinen gebrochenen Arm schienen zu lassen. Dort trifft er unverhofft auf seine alte Jugendfreundin Frey wieder, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat und mittlerweile als Krankenschwester tätig ist. Zurück bei der Arbeit unterläuft Max ein schicksalsschwerer Unfall, bei dem er radioaktiven Strahlen ausgesetzt und dadurch von tumorauslösenden Viren befallen wird. Die Diagnose, er wird in fünf Tagen sterben. Die einzige Möglichkeit für ihn zu überleben wäre ein Med Pod, doch dazu muss er nach Elysium. Um dieses Ziel innerhalb der ihm verbleibenden Zeit erreichen zu können, beschafft er sich aufgrund seiner schwindenden Kräfte ein schlagkräftiges Exoskelett. Zudem muss er den mächtigen Geschäftsmann John Carlyle (William Fichtner) entführen, um sich dessen Identität annehmen und nach Elysium gelangen zu können. Doch dabei kommt Max der machthungrigen Delacourt und ihrer Privatarmee, angeführt von dem soziopathischen Agenten Kruger, in die Quere.

Wirklich gelungen an ELYSIUM ist der visuelle Aspekt. Wie schon bei DISTRICT 9 zeichnet der ehemalige Visual Effects Artist Neill Blomkamp auch hier ein für das Auge überwältigendes Bild einer heruntergekommenen zukünftigen Erde. In eindrücklichen und realitätsnahen Bildern wird eine völlig überbevölkerte und vor allem überforderte Welt gezeigt, dessen verbliebene Ressourcen von einer übergeordneten Gesellschaft gnadenlos ausgebeutet wird.

Unterstützt werden diese Visuals von einem grossartigen Cast, auch wenn sich Blomkamp denn Vorwurf gefallen lassen muss, dass er Jodie Foster mit der viel zu eindimensionalen geratenen Delacourt viel zu wenig gefordert hat. Auch Matt Damon, der immerhin mit einer gewohnt soliden Leistung zu überzeugen vermag, ist nicht der Star des Films. Diese Ehre gebührt dem südafrikanischen Schauspieler Sharlto Copley, der als kaltblütiger Agent Kruger zu sehen ist. Spielte er in DISTRICT 9 noch den kleinkarierten Bundesangestellten Wikus Van De Merwe, der auf eine unglaubliche Tour de Force geschickt wurde, ist er in ELYSIUM als kampferprobte Killermaschine kaum wiederzuerkennen. Schon alleine seine Performance – wegen seines einmaligen Dialekts unbedingt auf englisch ansehen – ist das Eintrittsticket für den Film wert.

An der Oberfläche glänzt ELYSIUM, doch unter der Haube sieht es leider etwas anders aus. Die Story ist wie eine Patchwork-Decke, die durch eine Naht von Zufällen zusammengehalten wird. Sie alle aufzuzählen (und das habe ich für mich selber gemacht) würde einerseits eure Geduld in Anspruch nehmen und andererseits alle wichtigen Wendungen des Films verraten. Ein paar Beispiele müssen/dürfen aber trotzdem sein. Würde Max sich in der Polizeikontrolle auf dem Weg zur Arbeit nicht so aufmüpfig benehmen, würde ihm nicht die Hand gebrochen. Würde ihm nicht die Hand gebrochen, würde er seine Jugendfreundin Frey, die zufälligerweise Krankenschwester geworden ist (was im späteren Verlauf  des Films auch noch eine grosse Rolle spielen wird), nicht wieder treffen. Würde Maxs Unfall sich nicht just zum selben Zeitpunkt ereignen, wie der gewaltsam verhinderte Flüchtlingstransport nach Elysium, würden weitere verkettete Ereignisse gar nie stattfinden, die das ganze Story-Konstrukt überhaupt erst möglich machen. Grundsätzlich sind Zufälle, um Charaktere in Schwierigkeiten zu bringen eine gute Sache. Wenn solche dummen Zufälle aber einen ganzen Film durchziehen, wirkt das nur noch billig.

Viel zu kurz kommen hingegen Einblicke in die Alltagswelt dieser verrotteten Erde und der High Society auf Elysium. Dort werden lediglich ein paar wiederkehrende Eindrücke einer heilen Welt im Überfluss gezeigt, die den Eindruck vermittelt, es gäbe nur Superreiche, die dort leben. Doch wie würde das funktionieren? Klar, in der Welt, in der ELYSIUM spielt, gibt es haufenweise Roboter, die viele Tätigkeiten der Menschen ersetzen können, aber ist es auch wirklich das was sich eine Gesellschaft, die im Überfluss lebt, auch wünscht? Wo kauft man beispielsweise seine Lieblingssalami, seinen Kaviar und seinen Champagner ein? Alles nur noch via Online-Shopping oder gibt es vielleicht doch noch tatsächliche Läden, Cafés oder Bars? Wie sieht es umgekehrt auf der Erde aus? Wie findet dort das alltägliche (Über)leben aus? Solche Aspekte werden fast gänzlich ausgeblendet. Das ist schade. Einerseits gibt es da diese überwältigenden visuellen Eindrücke der beiden Welten und andererseits wirken diese Welten einfach nicht durchgehend durchdacht. Das unterscheidet ELYSIUM von dem herausragenden DISTRICT 9 und macht ihn lediglich zu gehobenem Mittelmass.