Albert Nobbs

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Mehr Rechte und mehr Lohn als Mann

Dublin im 19. Jahrhundert: Albert Nobbs (Glenn Close) arbeitet im angesehenen Morrisons`s Hotel. Seit 30 Jahren erfüllt er als Butler jeden Wunsch seiner Hotelgäste. Doch was verbirgt sich hinter dem verschlossenen, schüchternen Butler? Niemand ahnt, dass Albert in Wahrheit eine Frau ist und sich seit 30 Jahren als Mann verkleidet, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und sich ihren Traum eines eigenen Tabakladens zu erfüllen. Jahrzehnte  lang hat sie jeden Penny gespart und auf jedes Vergnügen verzichtet. Wahrhaftiges Glück existiert im tristen Leben des Butler nicht. Doch die Maskerade fällt, als der Maler Hubert  Page (Janet  McTeer) plötzlich in Alberts Zimmer stolpert, um dort eine Nacht im  Bett des Butlers zu verbringen.

Albert fühlt sich unwohl. Warum nur wird der Maler Hubert  Page in seinen vier Wänden einquartiert? Denn nur hier kann er sich selber sein und seine Tarnung für einige Stunden ablegen, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmen muss. Der clevere Page merkt, dass etwas an Albert nicht stimmt. Als dieser das Korsett um Alberts Oberkörper bemerkt, gerät der Butler in totale Panik. Er fürchtet um seine Stelle und um seine Existenz. Doch  Page hat kein Interesse daran den Butler zu verpfeifen und widmet sich seiner Arbeit, die Wände im Hotel fertig zu streichen.

Nicht nur Nobbs trägt ein Geheimnis mit sich

Albert ist von der Anwesenheit des Malers dermassen durch den Wind, dass seine diskrete Lebensweise Schritt für Schritt ins Wanken gerät. Niemand wusste bisher über Alberts Wahre Identität Bescheid. Und nun stampft dieser Maler in Alberts Leben. Der sensible Butler möchte die Sache klären und erfährt von Page, dass er das ebenfalls ein Geheimnis mit sich trägt. Auch Page ist eine Frau und führt – als Mann – öffentlich eine ganz normale Ehe mit einer Frau. Dies gibt Albert den nötigen Mut, sich auch an seine Verwirklichung seiner Träume zu wagen. Eine zentrale Rolle dabei spielt die Hotelangestellte Helen (Mia Wasikowska). Albert setzt es sich fortan in den Kopf, es Hubert Page gleich zu tun und sein restliches Leben mit Helen zu teilen.

Rodrigo Carcia verfilmte mit Albert Nobbs eine Geschichte über einen Menschen, der versucht, mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft, seine wahre Identität zu verstecken. Ist es sinnvoll, seine eigene Persönlichkeit gegenüber seiner Mitmenschen zu verstecken und diese über die Jahre fast komplett zu verlieren? Auf die Frage, ob ein Leben über Jahrzehnte mit täglicher Maskerade als Mittel zum Zweck gerechtfertigt ist, anstatt sein eigenes Leben wirklich zu Leben, lässt der Film unbeantwortet. Vielmehr beschäftigt er sich mit dem gefühlskalten, zurückhaltenden Butler, der sich als Person so sehr im Griff hat, dass seine wahren Gefühle und Eigenschaften in seinem Leben keinen Platz haben.

Glenn Closes Nobbs vermag zu fesseln, der Rest leider nicht

Glenn Close (Gefährliche Liebschaften) verkörperte die Rolle des verschlossenen Albert Nobbs bereits vor 30 Jahren auf der Bühne und hat massgeblich dazu beigetragen, dass dieses Drama nun auch auf die Leinwand gekommen ist. Sie hat sogar am Drehbuch mitgeschrieben und den Film mitproduziert. Ich würde behaupten, es ist die Rolle Ihres Lebens. Dafür wurde sie zu Recht für den Oscar als Beste Hauptdarstellerin nominiert. Jedoch ist der Film nur gerade deswegen so unglaublich herzergreifend und wunderschön, weil Close es schafft, die Rolle des Butlers kalt und langweilig zu verkörpern und gleichzeitig seine Sehnsüchte in jeder Sekunde greifbar zu machen.  Alles was um Nobbs herum passiert, ist hingegen nur halb so packend und schafft es nicht gleichermassen zu fesseln wie der verkappte Butler.