Filmkritik zu ROCK OF AGES
Wenn Rockerbuben in Lederjacken ihre weiche Seite zum Vorschein bringen, urplötzlich die Kundschaft eines Plattenladens in wilde Tanzstimmung gerät und die Passagiere eines Reisebusses abwechselnd zu singen beginnen, dann befinden wir uns mit grosser Wahrscheinlichkeit mitten in einem Musical.
Musicals sind heute – abgesehen von Bollywood-Filmen – kaum mehr im Kino anzutreffen und haben ihre ganz eigenen Filmgesetze. In ansonsten real erzählten Geschichten, fühlen sich die Filmfiguren plötzlich genötigt, ihren Emotionen tanzend und singend Ausdruck verleihen zu müssen. Was vor 50 Jahren noch völlig normal und zum Kinoalltag gehörte wie eine Tüte Popcorn, irritiert das moderne Kinopublikum. Selbst Kinder bekommen in ihrem Trickfilmen immer seltener Sing- und Tanznummern serviert und wollen stattdessen viel lieber “Action”. Doch hie und da verirrt sich dennoch ein Filmmusical noch in die Kinos der Neuzeit – und jedes mal mit durchschlagendem Erfolg. Zuletzt spülten CHICAGO (2002), HAIRSPAY (2007) und MAMMA MIA! (2008) allesamt hunderte Mio. Dollar in die weltweiten Kinokassen.
Kein Wunder also, sucht man in Hollywoods ständig fieberhaft nach neuem leindwandtauglichem Brodway-Material. Dies scheint man dieses Jahr im internationalen Welterfolg ROCK OF AGES gefunden zu haben. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Jukebox Musical, in das verschiedene Welthits in die Story eingebettet werden. Dieses Konzept kennen wir bereits aus MAMMA MIA!, bei dem jedoch ausschliesslich ABBA-Lieder zum Zug kamen. In ROCK OF AGES werden Kracher von Glam Metal Bands wie Def Leppard, Joan Jett, Journey, Foreigner, Bon Jovi, Night Ranger, REO Speedwagon, Pat Benatar, Twisted Sister, Poison, Whitesnake und anderen geboten.
Der Film könnte dementsprechend als riesige Rock-Oper bezeichnet werden. Könnte… wenn das Wort Oper nur nicht so Drama-behaftet wäre. Auch wenn ROCK OF AGES selbstverständlich auch ein leichtes Melodram ist, will der Film in erster Linie gute Laune verbrereiten.
Die Story ist schnell erzählt: Kleinstadt-Girl Sherrie (Julianne Hough) und City-Boy Drew (Diego Boneta), die beide von einer Rock’n’Roll-Karriere in Hollywood träumen, begegnen sich auf dem Sunset Strip und verlieben sich auch sogleich ineinander. Drew verschafft Sherrie einen Kellnerinnen-Job im “The Bourbon Room”, dem heissesten Rock-Schuppen der Stadt. Beides, Romanze und Karriere, beginnt zunächst sehr vielversprechend. Doch als Drew zufälligerweise Zeuge wird, wie Sherrie bei einem Bourbon-Room-Gig des Rockstars Stacee Jaxx (Tom Cruise) in ziemlicher eindeutiger Situation aus dessen Garderobe kommt, ziehen dunkle Wolken am Liebeshimmel der frischverliebten auf.
Alles ziemlich schnulzig, ziemlich kitschig und ziemlich vorhersehbar. Genau das sind die Rezepte jedes Kinomusicals und ROCK OF AGES macht dabei keine Ausnahme. Diese Zutaten sind es auch, die mich in der Regel vom Musical-Genuss abhalten. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass es immer wieder Ausnahmen gab, die es tatsächlich schafften mich zu unterhalten. GREASE, Der Klassiker schlechthin zählt dabei genauso dazu wie die Kinoversion des ABBA-Musicals MAMMA MIA!. Neustes Mitglied in dieser illustren Reihe ist für mich nun auch Adam Shankmans (HAIRSPRAY) neustes Musical ROCK OF AGES, der zwar ebenfalls solch grauenhaft überdrehten Musical-Szenen beinhaltet, bei denen die Hauptfigur fröhliche Songs mit einem Dauergrinsen performen muss oder bei denen wie aus dem Nichts Menschen ins Bild hüpfen, mitsingen und mittanzen.
Wenn das Anfangs für das ungeübte Publikum schon fast verstörend wirkt, gewöhnt man sich mit zunehmender Laufzeit des Films daran. Sprich: wenn man sich mal darauf einlässt, kann es ziemlich Spass machen. Für ROCK OF AGES gilt das gleich doppelt, weil er sich selber nicht all zu ernst nimmt und sich zeitweise mit total überdrehten Szenen sogar selbst zu parodieren scheint. Zudem liefert der Film beste Gags am Laufband. Für die meisten Lacher sorgt dabei der englische Komiker Russell Brand, der mit seiner frechen Schnauze und seinem überspitzten britischen Akzent (den Film zwingend im Original schauen) für gute Laune sorgt. Auch der weitere Cast, prominent besetzt mit Paul Giamatti, Mary J. Blige, Malin Akerman, Bryan Cranston, Catherine Zeta-Jones, Alec Baldwin und Tom Cruise (mit vollem Körpereinsatz), sorgt für Stimmung – und alle singen höchstpersönlich!
Die wahre Hauptattraktion ist aber ganz klar der Soundtrack, der diesen Film auch für Musical-Muffel zum Must-see Erlebnis macht. Kulthits wie “Paradise City” von Guns’n'Roses, “Wanted Dead or Alive” von Bon Jovi, “Pour Some Sugar on Me” von Def Leppard oder Mash-ups wie “We Built This City” (Starship) / “We’re Not Gonna Take It” (Twisted Sister) lassen den Kinosaal beben. Allerspätestens beim Einsatz von Twisted Sisters “I Wanna Rock” gibts’ für ROCK OF AGES einen Daumen nach oben. Denn dieses Musical rockt tatsächlich.
































Die Kritik rockt. ;)
Thanks, Dude… Rock on! :)