Swiss Army Man Interview mit Daniel Radcliffe: „Das Innenleben unserer Körper ist ziemlich abstossend.“

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Daniel Radcliffe spielt in Swiss Army Man eine furzende Leiche und sprach mit uns am 12. Zurich Film Festival über seine schwierigste Szene, seine Laufbahn seit Harry Potter und darüber, was Swiss Army Man so besonders macht.

„Der Film mit der furzenden Leiche“ ist die wohl gängigste Beschreibung von Swiss Army Man. Tatsächlich tut man dem Film damit aber Unrecht. Verschmilzt all der Körperhumor doch einwandfrei mit einer Geschichte über Einsamkeit und Liebe.

Hank (Paul Dano) strandet einsam auf einer Insel, bis dort der tote Körper von Manny (Daniel Radcliffe) angetrieben wird. Einer Leiche, die nun eben Luft lassen kann. Somit geht es per furzgetriebenem Leichenjetski erstmal zum nächsten Strand. Dort stellt sich Mannys Körper als ebenso nützlich, wie ein Swiss Army Knife (Schweizer Armee Taschenmesser) heraus. So dient seine Erektion etwa als, jawohl, Kompass. Aber auch ansonsten scheint Manny weniger tot zu sein als geglaubt und zwischen den beiden Männern entwickelt sich bald eine innige Beziehung.

Besagte Leiche wird dabei im Film von Daniel Radcliffe gespielt, weswegen wir erwartungsgemäss ein paar Fragen an ihn hatten. 

Blogbusters: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Skript über eine furzende Leiche gelesen haben?

Daniel Radcliffe: Die furzende Leiche ist nur ein Teil davon. Ich habe das ganze Skript gelesen und erkannt, wie wunderbar es als Gesamtes funktioniert. Die Zusammenfassung des Skripts lautete ungefähr: Ein selbstmordgefährdeter Mann wird bester Freund eines toten Körpers. (lacht)

Als ich auf Seite 2 auf besagte Szene mit dem furzenden Jetski gestossen bin, war meine Reaktion etwa: „Das ist grandios!“ Es war nämlich nicht nur ein schräge Idee, sondern verdammt gut geschrieben. Ich lese viele seltsame Drehbücher und der Unterschied ist sofort erkennbar. Dieses ist nicht einfach nur bemüht schräg. Die Autoren nähern sich dem Thema mit Intelligenz und Menschlichkeit. Zudem habe ich mir ihre Musikvideos angesehen und gedacht: „Wenn einer dieses Skript verfilmen kann, dann sind es diese Typen.“

Eines der bekanntesten Musikvideos der Daniels:

Ist das auch Ihre eigene Art von Humor? Woody Harrelson hat gestern gesagt, dass Sie an einem Skript mit einem ziemlich coenesken Humor arbeiten.

(lacht) Das ist sehr grosszügig von ihm, mich mit den Cohen Brüdern zu vergleichen. Ich bin mir sicher, sie sind nicht sehr glücklich darüber.

Ich habe einen ziemlichen breiten Sinn von Humor. In Swiss Army Man reicht der Humor von extrem clever, bis extrem, extrem dumm und ich finde dies grossartig. Der Film hat etwas Monthy-Python-mässiges an sich. Die Kombination von sehr intelligenten und absolut dämlichen Dingen.

Ich glaube, Ich haben einen ziemlich dunklen Humor. Aber ich lasse euch selbst entscheiden, wenn ihr denn Film gesehen habt. (lacht)

An was für Skripts arbeiten Sie im Moment?

Ich will nicht zu viel verraten. Ich arbeite an einem sehr kleinen Skript für wenige Schauspieler mit nur wenigen Sets. Das wäre machbar für meinen ersten Versuch als Regisseur. Auf der anderen Seite arbeite ich an etwas mit einigen Freunden, die so richtig professionelle Autoren sind. Und wir schreiben im Moment den teuersten Film, der je gemacht wurde. (lacht) Daneben adaptiere ich eine Kurzgeschichte, bei der ich gerne Regie führen würde. Das hat mich auch zum Schreiben gebracht, mein Wunsch Regie zu führen. Wenn sich herausstellt, dass ich ein schrecklicher Regisseur bin, verhaue ich wenigstens nur mein eigenes Skript.

Frage zu Ihrer Karrierelaufbahn. Nach Ihrem grossen Erfolg mit den Harry Potter Filmen, war es für sie von Anfang an klar, welche Richtung ihre Karriere nehmen würde?

Ich wusste immer, dass ich Schauspieler bleiben und in der Filmindustrie arbeiten will. Das wusste ich bereits im Alter von 14 Jahren. Ich wusste nur noch nicht, wie das genau aussehen würde. Ich wusste nicht, wie gross meine Chancen sind, vor allem gegen Ende von Potter. In Interviews sagten die Leute damals immer wieder Sachen im Sinne von: „Wie fühlen Sie sich, jetzt da ihr Leben vorüber ist?“.

Wenn man das mit 19/20 Jahren immer wieder hört, verinnerlicht man das irgendwann. Ich machte mir Sorgen, dass sie vielleicht Recht haben. Aber das Ende von Potter war für mich auch ein grosser Energieschub. Potter war ein grossartiger Start. Aber ich musste irgendwann ausarbeiten, wie ich meine Karriere weiterentwickeln und was für ein Schauspieler ich sein will. Für mich war es wichtig, so zu denken, als ob ich von vorne anfangen würde, als ob dies der Start meiner zweiten Karriere wäre.

Für all jene Leute, die meinten: „Er wird jetzt für immer Harry Potter sein“, gab es auch welche die gedacht haben: “Hey, lasst uns sehen, ob er auch etwas anderes kann.“

Mit 17 Jahren haben Sie in dem Theaterstück Equus mitgespielt, wie wichtig war dies für Ihre Karriere?

Das war SEHR wichtig. Dass ich überhaupt eine Karriere habe, verdanke ich Harry Potter. Aber um die Karriere zu bekommen, die ich wollte, war Equus das Wichtigste. Einige Regisseure haben mir gesagt, dass Equus das Ding war, das ihnen gezeigt hat: “Okay, er will wirklich ein Schauspieler sein, er meint das ernst.

Daniel Radcliffe in Harry Potter und der Stein der Weisen Szenenbild (Film, 2001)

Daniel Radcliffe in Harry Potter und der Stein der Weisen (Bild: Warner Bros.)

In Swiss Army Man haben sie fast alle Szenen selbst gespielt. Was war die schwierigsten Szene, in der die Leute vermutlich denken werden, das war doch eh nur eine Puppe?

Vermutlich jene im Wasser, ganz am Anfang, als wir über die Wellen surfen. Da denken alle es war nur ein Dummy, aber das war ich.

Paul Dano ritt wirklich auf mir. Da war ein Boot und eine Stange, die am Boot festgemacht war. An dieser Stange wurde ein Brett mit einem Kabel festgemacht. Und ich lag auf diesem Brett, habe mich seitlich festgehalten und den Rücken durchgebogen, um möglichst viel Distanz zwischen mir und dem Brett zu gewinnen. Paul sass auf mir und so haben sie uns mit dem Boot durch das Wasser gezogen. (lacht)

Und war das in einem Fluss oder in einem Pool?

In einem Pool zum Glück. Wasserszenen sind sowieso etwas vom Anstrengendsten was es gibt und da war es ganz angenehm in einem warmen Pool und nicht in einem eiskalten Fluss zu sein. (lacht)

Ich glaube, dass die beiden sich am Ende verlieben. Es steckt also die Nachricht im Film, dass Liebe einfach Liebe ist -unabhängig von den Umständen.

Ja, ich glaube das ist der Punkt. Es ist nicht spezifisch homo- oder heterosexuelle Liebe, sondern einfach Liebe. Hank lernt über die Liebe von Manny. Das ist eines der wunderschönen Aspekte dieses Filmes.

Gibt es etwas, das sie jeden Tag antreibt? Schauspieler zu sein ist ja nicht immer einfach.

Teil von etwas zu sein, bei dem man seine Vorstellungskraft gebrauchen kann. Filmsets sind immer wie kleine, temporäre, reisende Communities. Einen Job zu erledigen, der Teamwork braucht, ist sehr befriedigend. Es ist wie in der Mitte eines Orchesters zu sitzen und zu fühlen, wie alles zusammen kommt. Und gerade bei diesem Film war dies sehr speziell. Am Ende sagte ich den beiden Regisseuren: „Verändert nie die Art, wir ihr Filme macht, ihr gebt den Leuten das Gefühl speziell zu sein. Jeder auf diesem Set fühlt sich einzigartig und das ist grossartig, wenn man den Leuten dieses Gefühl geben kann.“ Ich liebe meinen Beruf.

Was wäre ihre Traumrolle in einem Film?

Das ist sehr schwierig zu beantworten. Aber ich habe gestern mit Woody (Schauspielkollege Woody Harrelson, Anm. d. Red.) darüber gesprochen, wie es ist mit Martin McDonagh (dem Regisseur des kommenden Filmes Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, in dem Woody Harrelson eine Hauptrolle spielt, Anm. d. Red.) zu arbeiten, weil ich bereits in einem Theaterstück von ihm mitgespielt hatte. Es ist mir egal, welche Rolle, aber ich wäre gerne in einem Martin McDonagh Film. Ich glaube, er ist einer der besten lebenden Autoren und wird zu einem der besten Regisseure.

Sind Sie gestern mit Woody Harrelson in Zürich ausgegangen?

Woody hat mir gestern einen Ratschlag dazu gegeben. Er sagte: “Komm Dude, lass uns ausgehen “. Und ich war so: “Nein, ich habe morgen früh Pressetermine.“ Da schaute er dich an, Vanessa (die Betreuerin vom Verleih), und sagte: „WARUM zwingt ihr ihn so früh aufzustehen?“ und dann hat er mich angeschaut und gesagt: “Dude, man fängt NIE vor 14 Uhr am Tag nach der eigenen Premiere an zu arbeiten.“

Aber auch: Ich trinke nicht mehr. Ich liebe es, mit meinen Freunden auszugehen, wenn sie betrunken sind. Ich liebe es, sie betrunken zu machen (lacht). Aber wenn es eine Menge von Fremden mit dabei ist und man selbst trinkt nicht, dann ist es etwas weniger lustig.

Gab es einen speziellen Anlass, der sie dazu bewogen hat, nicht mehr zu trinken?

Nicht wirklich ein spezieller Anlass, mehr eine Anhäufung von schrecklichen Anlässen. Es ist jetzt 3 Jahre her und definitiv besser für mich, auch wenn ich schrecklich darin bin, andere betrunken zu machen.

An einer Stelle im Film sagen Sie: “Mein Körper ist abstossend.” Der Film bringt einen dazu, den eigenen Körper mehr wahrzunehmen, wie haben Sie dies während des Filmens empfunden?

Wenn man im Detail analysiert, wie der eigene Körper eigentlich funktioniert, ist es ziemlich abstossend. Das Innenleben unsere Körper ist abstossend. Aber das ist das wunderbare am Film, er zwingt einen, die Beziehung zum eigenen Körper und seiner Einsamkeit zu erforschen. Und zur selben Zeit gibt er einem die Erlaubnis alle diese Dinge zu fühlen. Der Punkt des Films ist: “Scham hält uns von der Liebe zurück.“

All das Furzen, die Erektionen, das Masturbieren oder die mentalen Dinge, wie sich einsam oder als Aussenseiter zu fühlen, das sind alles universale, menschliche Dinge. Aber uns wird beigebracht, uns dafür zu schämen. So yeah, es ist ein abstossender Film, mit einer wunderschönen Botschaft über Liebe und Akzeptanz.

Am Sundance Filmfestival sind viele Leute während der Vorführung aus dem Kino gelaufen. Es gibt da einen Punkt am Anfang des Films, wo sich wohl viele Zuschauer entscheiden, ob sie bleiben oder nicht. Aber wenn man verweilt, kommt etwas ganz anderes als man erwarten würde.  

Ich bin der Meinung, wenn man einen Film in den ersten 15 Minuten verlässt, kann man nicht sagen, dass man ihn nicht mochte. Man kann einfach sagen, dass man gegangen ist und das war es.

Was war der letzte Film aus dem sie herausgelaufen sind?

Das war eine romantische Komödie, die schrecklich ist. Ich bin für eine Stunde geblieben. Sie hiess He’s Just Not That Into You (2009). Ich meine, die Leben dieser Frauen im Film drehen sich nur um Männer und das stimmt doch sicher nicht. Ich fühlte mich stellvertretend für alle Frauen beleidigt. Der zweite Film, den ich anhalten musste, war Daredevil (2003) mit Ben Affleck. Ich war ein grosser Daredevil Fan und fühlte mich von dem Film ziemlich verarscht.

Wie kann man Swiss Army Man möglichst kurz beschreiben?

Zutiefst dämlich und zutiefst clever. Er ist voll von Gegensätzen und dass diese zusammen funktionieren, ist für mich das grosse Wunder am Film.

Und wer sich jetzt fragt, ob Radcliffe bereits ein SWISS ARMY KNIFE besitzt, nun das tut er jetzt. Erhielt er doch im Anschluss des Interviews von einem Journalisten eines als Dank für seine Wohltätigkeitsarbeit für das Trevor Project* geschenkt. Somit besitzt der Swiss Army Man jetzt auch standesgemäss ein Swiss Army Knife.

*Non-Profit Organisation mit dem Fokus Selbstmordprävention von LGBTQ+ Jugendlichen

Swiss Army Man Trailer

Daniel Radcliffe Kurzbiografie und Trivia

  • Wurde berühmt durch seine Rolle als Harry Potter
  • Ist ebenfalls aktiv als Theaterschauspieler
  • Unter dem Pseudonym Jacob Gershon hat er einige Poems publiziert
  • Er ist Fan der Detroit Red Wings, einem amerikanischen Hockey-Team
  • Hat zwei Border Terrier, die auf die Namen Binka und Nugget hören
  • Sagte einmal, dass Die zwölf Geschworenen (1957) der erste Schwarzweiss-Film sei, denn er je gesehen hat und dass es gleichzeitig auch sein Lieblingsfilm sei
  • Er ist in der Lage seinen rechten Arm um 360 Grad zu drehen
  • Gab bekannt, dass er während der Dreharbeiten zu Harry Potter und der Halbblutprinz (2009) ein Alkoholproblem entwickelte. Seit 2013 hat er keinen Tropfen mehr angerührt
  • Wird regelmässig mit Elijah Wood (und umgekehrt! siehe Video) verwechselt. Einmal drückte ihm ein japanischer Fan ein Foto von Elijah Wood in die Hand und bat Radcliffe, es zu signieren. Der schrieb: „I am not Elijah Wood, love, Daniel Radcliffe“ (Ich bin nicht Elijah Wood, in Liebe, Daniel Radcliffe)