Snowden Interview mit Oliver Stone: „George W. Bush ist ein netter Kerl!“

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Regie-Legende weilt im Rahmen der 12. Ausgabe des Zurich Film Festival in der Schweizer Limmatstadt, um Snowden vorzustellen, seinen mittlerweile zwanzigsten Film. Blogbusters traf sich mit ihm zum Gespräch.

Es ist ein wunderschöner Herbsttag, die Sonne wärmt die Luft auf über 20 Grad auf und so findet das Gespräch mit dem Filmemacher im Garten des noblen Hotels Baur au Lac statt. Oliver Stone wartet bereits auf einem Stuhl, den man eigens für ihn auf der Wiese des Gartens aufgestellt hat und schaut sich gemeinsam mit der Pressebetreuerin die Liste mit den Interviewpartnern des Tages durch. „Blogbusters, wer ist das?“, fragt er. Da ich bereits vor ihm stehe, antworte ich gleich selbst und stelle mich ihm vor.

Der Mann, der mich mit seinen Filmen schon seit meinen Jugendtagen mein ganzes Leben lang begleitet hat, sieht sichtlich gealtert aus. Auch etwas erschöpft. Diesen Eindruck machte er auch später während des Interviews immer wieder. Unweigerlich musste ich an die Frage stellen, die Late Night Talker Stephen Colbert ihm neulich vor einem Millionenpublikum stellte: „Von Gesetztes wegen muss ich Sie fragen, sind Sie gerade high?“, Stone blickte daraufhin verschmitzt ins Publikum und antwortete schliesslich mit den Worten: „Nun, ich habe mein Leben immer genossen.“

Er hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen, weder in seinen Filmen, noch in Interviews. Auch in unserem Gesprächen spricht er offen über Spionage, die US-Regierung, den noch amtierenden US-Präsidenten und natürlich Edward Snowden. Und man glaubt ihm jedes Wort, denn er hat in der Vergangenheit immer wieder betont, wie sehr Lügen verabscheut und wie wichtig es ihm ist, die Wahrheit zu erzählen.

Mit Snowden befindet sich Oliver Stone auf bewährten Pfaden. Die Geschichte des idealistischen und vielleicht auch etwas naiven, jungen Mannes, dessen Prinzipien auf eine harte Probe gestellt werden hat er schon in Filmen wie Platoon, Wall Street, Born on the Fourth of July oder JFK erzählt. Und immer spielt dabei die mächtige US-Regierung eine grosse Rolle in der menschlichen Transformationen des Protagonisten.

Blogbusters: Sie haben in Ihrer Karriere schon viele Filme gedreht, mit denen sie bei der Regierung angeeckt sind. Haben Sie sich nie sorgen gemacht, dass die Regierung es auf Sie absehen könnte?

Oliver Stone: Doch, absolut. Ich stand schon seit den 1970er-Jahren in der Öffentlichkeit. Für die NSA ist es etwas schwierig, einem so genannten Promi nachzujagen, denn wenn man einen Fehler macht, kommt das auf einen zurück. Es würde die Presse aufrütteln und das könnte (für die NSA) ziemlich unangenehm werden. Aber selbst Jane Fonda stand damals in den 70er-Jahren auf der Überwachungsliste der US-Regierung. Und die Dinge haben sich seither nicht geändert. Deshalb, ja. Ich bin offensichtlich vorsichtig was mein Leben anbelangt. Man kann sich jedoch nicht dauernd verstecken. Man muss sich selbst bleiben. Und mein Schicksal ist es, die Wahrheit auszusprechen, sobald ich sie erfahre. Ich möchte meine Gefühle nicht unterdrücken müssen, denn bei mir gibt es sicherlich eine echte Emotion über Wut – nicht nur in Bezug auf das Überwachungssystem, das sie geschaffen haben, sondern im Grunde über den aggressiven Cyberkrieg, den wir jetzt erleben, das Bombardement mittels Drohnen und all diese Sachen. Es ist besser die Dinge beim Namen zu nennen, anstatt sie mit sich herumzutragen und in sich hineinzufressen.

Inwiefern sehen Sie bei der Regierung eine Berechtigung zur Überwachung des elektronischen Verkehrs? Diese argumentiert damit, dass die Sicherheit der Bevölkerung als oberstes Ziel steht und deren Sicherheit vor terroristischen Aktivitäten gewährleistet werden muss.

Solches Zeug habe ich mir schon mein ganzes Leben lang anhören müssen. Zuerst wird ein Feind erschaffen und dann gesagt, wir müssen uns gegen ihn wehren können. Das geht mir total gegen den Strich. Ich will einen Beweis. Ich will mich nicht einer Regierung anschliessen, die sagt: “Wir müssen Sie beschützen, das ist unser Job. Übertragen Sie uns ihre Rechte.” Natürlich ist es nicht ganz so simpel, aber einfach ausgedrückt sieht es so aus. Ich bin ganz und gar für gezielte Überwachung verdächtiger Personen, aber gegen eine Massenüberwachung, bei der jeder ein Verdächtiger ist.

Warum bringen Politiker dieses Argument nicht? Wieso kann nicht mal einen guten Politiker geben? Weil man mit Furcht besser gewählt wird, als wenn man sagt, wir könnten das besser machen. Wenn man mein Argument den Leuten erklären würde, würden sie das vielleicht verstehen. Aber wenn der Rubel mal rollt, Mann… schauen wir doch mal die USA an. Es fliesst unheimlich viel Geld in die Rüstungsindustrie. Die Entwicklung neuer Flugzeuge verschlingt geradezu lächerlichen Summen. Das Sicherheitswesen und selbst die Verschlüsselung sind riesige Geschäftsfelder. Und sobald mal Geld in dieser Grössenordnung ausgegeben wird, gibt es kein zurück mehr.

Apropos Politiker, mit der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten dachten viele, es würde sich einiges zum Guten wenden. Doch offenbar ist dem nicht so. Trotzdem will ich glauben, dass Obama ein guter Mensch ist. Kann es sein, dass der mächtigste Mensch der Welt in Wahrheit gar nicht so mächtig ist?

Also zuerst einmal, George W. Bush ist ein netter Kerl. Das ist er wirklich, ich habe ihn kennengelernt. Ich habe auch Obama kennengelernt. Ein guter Familienmensch oder wie immer man ihn bezeichnen möchte. Bush ist ein liebenswerter Typ. Obama hingegen kalt, aber ich bin mir sicher, innerhalb seiner Familie ist es sehr respektiert und sein Leben scheint eine gesunde Balance zu haben. Ich wäre definitiv gerne so dünn. Aber sein Haar ist grau geworden, was teilweise auch daran liegt, dass er sich in den letzten acht Jahren selbst belogen hat. Und er hat das amerikanische Volk belogen. Das macht eine Person aber nicht automatisch schlecht. Lügen ist eine natürliche menschliche Tätigkeit. Bei uns in den USA gibt es dazu ein Sprichwort. Wenn sich jemand aus aus einem Gruppenzwang heraus bewusst mit einer zum Scheitern verurteilen oder gefährlichen Idee arrangiert, sagen wir: “Er hat das Kool-Aid getrunken (He drank the Kool-Aid)”. Obama wurde gewissermassen einer Gehirnwäsche unterzogen. Er hat das Kool-Aid getrunken.

Kool-Aid ist der Markenname eines Getränkepulverkonzentrates. Im englischsprachigen Raum wird der Ausdruck „drinking the Kool-Aid“ in Anspielung auf den Massensuizid von Jonestown meist als Metapher verwendet, bei dem 900 Menschen einer Sekte mittels vergiftetem Kool-Aid Selbstmord begangen.

Aber Ihre Frage war grösser als das. Netter Kerl – nehmt euch in acht vor den netten Kerlen.

Und selbst mit guten Absichten, die ich Barack Obama unterstelle. Er hat ja auch Leute um sich herum…

…, ja er hat keine Vergangenheit als Kämpfer. Selbst bevor er Präsident wurde hatte er keine Geschichte als einer, der echte Konfrontationen einging. Er war immer ein Friedensstifter. Das hat nicht funktioniert. Er hat die Bush/Cheney Doktrinen vollzogen.

Und um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen: Ich bezweifle, dass Barack Obama über die tatsächliche Macht verfügt, um solche Dinge wirklich ändern zu können. Ich bezweifle, dass irgendein Präsident dieses System ändern könnte. Es ist eine geheime Regierung innerhalb der Regierung, die existiert. Mit ihren eigenen Regeln. Und immer wird die nationale Sicherheit als Grund, solche Dinge nicht öffentlich zu machen. Wir haben demnach keine Grundlage, auf der wir über den Erfolg dieser Programme urteilen könnten. Und auf der anderen Seite hat man bisher auch nie einen Beweis des Erfolgs vorweisen können. Stattdessen machen sie wilde Behauptungen, aber wo ist nun der Erfolg in Bezug auf die Massenüberwachung. Selbst bei der gezielten Überwachung – von der ich der Meinung bin, dass sie funktionieren könnte – ist man gescheitert. Die Attentate von Orlando, Boston oder San Bernardino konnten nicht verhindert werden, und diese Leute waren (den Geheimdiensten, Anm. d. Red.) bekannt. Es gab Verbindungen zwischen ihnen und der IS. Und auch die Anschläge in Paris hat niemand vereitelt. Vielleicht wurden sie durch die Massenüberwachung so sehr abgelenkt, dass sie die gezielte Überwachung aus den Augen verloren haben. Das ist der Punkt. Und Snowden hat dieses Argument angebracht: Du suchst nicht nach der Nadel im Heuhaufen, du versuchst die Nadel zu finden, bevor sie in den Heuhaufen gelangt.

Haben Sie jemals in Ihrer Karriere daran gedacht, das Filmemachen an den Nagel zu hängen?

Nicht das ich wüsste. Ich habe immer konstant Filme gedreht. Zwanzig Spielfilme sind es mittlerweile. Hinzu kommen Dokumentarfilme wie “The Untold History of the United States”, der zwölf Stunden lang ist und mich drei Jahre Arbeit gekostet hat. Ich muss mich ausdrücken können, doch die Budgets werden immer kleiner und in den USA kriege ich die Unterstützung nicht, die ich brauche. Snowden war sehr schwer hinzubekommen. Alle Studios haben den Film abgelehnt – mit Ausnahme von Open Road Films, welches ein kleines, aber feines Unternehmen ist – doch das meiste Geld kam aus Europa.

Als Sie mit Edward Snowden gesprochen haben, hat er sich da jemals darüber geäussert, ob er traurig ist, vielleicht nie wieder zurück in die Vereinigten Staaten zurückkehren zu können?

Ja. Ich glaube, er würde sehr gerne wieder in sein Heimatland zurückkehren. Das ist natürlich. Und ich bin der Meinung, dass sein Land ihn im Stich gelassen hat. Er verdient einen Ritterschlag für was er getan hat. Er sollte dafür den Friedensnobelpreis erhalten, denn er hat Mut bewiesen, im Gegensatz zu Obama. Aber das ist meine persönliche Sicht. In den Film habe ich das nicht reingetan. Der Film ist eine geradlinige Auseinandersetzung mit seiner Sicht der Dinge.

Worum ging es Ihnen bei Ihren gemeinsamen Treffen mit Edward Snowden. Was wollten Sie von ihm wissen?

Ich wusste, dass ich die Sache langsam angehen musste. Anfangs war er natürlich etwas besorgt wegen des Projekts. Er war sich nicht sicher, ob es notwendig war diesen Film zu machen und ich wusste anfangs hingegen nicht, ob ich diesen Film überhaupt machen wollte. Die Handlung war sehr im Wandel begriffen. Also besuchte ich ihn noch zwei weitere Male und erfuhr im Laufe der fünf Monate mehr und mehr und er erzählte mir immer mehr. Ich kannte natürlich seine Biografie und konnte ihn so ganz gezielt abfragen. Er füllte die Lücken aus – die meisten zumindest. Lindsays Charakter (im Film gespielt von Shailene Woodley, Anm. d. Red.), beispielsweise, bildete sich aus vielen verschiedenen Gesprächen heraus. Mir schien es, als hätte sie in seinem Leben eine viel wichtigere Rolle gespielt als die Zeitungen es beschrieben.

Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley und Oliver Stone am Set von Snowden (BIld: Open Road Films)

Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley und Oliver Stone am Set von Snowden (BIld: Open Road Films)

Besonders gut gefiel mir die Szene mit dem Rubik’s Cube. War die ausgedacht oder hat sie sich tatsächlich so zugetragen?

Es war eine Parallele zu dem was sich zugetragen hat. In dieser Form ist es nie passiert, das war eine Dramatisierung der Gegebenheiten. Snowden wollte seine Kollegen nie in Schwierigkeiten bringen und auch nicht über diese Dinge sprechen.

Können Sie uns zum Abschluss noch etwas über anstehende Projekte verraten?

Das kann ich nicht.

Vielleicht eine Komödie zur Abwechslung.

Ich weiss nicht, ob ich das Talent dazu habe. Aber ich bin ziemlich erschöpft, wissen Sie. Dieser Film hat viel Energie gekostet. Zweieinhalb Jahre Arbeit stecken darin und deshalb hoffe ich, dass sich der Film in Asien und in Europa gut verkauft. Helfen Sie mir, ihn zu verkaufen.

Snowden Filmtrailer

Oliver Stone Filmografie (Auswahl)

1986: Salvador
1986: Platoon
1987: Wall Street
1989: Geboren am 4. Juli (Born on the Fourth of July)
1991: The Doors
1991: JFK – Tatort Dallas (JFK)
1994: Natural Born Killers
1995: Nixon – Der Untergang eines Präsidenten (Nixon)
1999: An jedem verdammten Sonntag (Any Given Sunday)
2004: Alexander
2006: World Trade Center
2008: W. – Ein missverstandenes Leben (W.)
2010: Wall Street: Geld schläft nicht (Wall Street 2: Money Never Sleeps)
2012: Savages
2016: Snowden

Oliver Stone Kurzbiografie und Fun Facts

  • Geboren: 15 September 1946, New York City
  • Olivers Vater, Louis Stone, ein Amerikaner, der als Louis Silverstein geboren wurde, stammte von einer jüdischen Familie ab (aus Deutschland und Osteuropa). Olivers Mutter, Jacqueline Goddet, war Französin
  • Diente im Vietnamkrieg und wurde unter anderem mit dem Purple Heart ausgezeichnet
  • Wurde an der  New York University Film School von Martin Scorsese unterrichtet
  • Hat sich einen Namen als Meister der kontroversen Themen gemacht
  • Sein Markenzeichen sind Staccato-Wechsel von Kameratypen, Linsen und Filmkonserven, die er einsetzt
  • Hat unter anderem die Drehbücher zu 12 Uhr nachts – Midnight ExpressConan der Barbar und Scarface geschrieben
  • Sagte einmal, er habe 1983 eine Kokainsucht entwickelt als er nach Frankreich zog, um an Scarface zu schreiben
  • War an den Oscarverleihungen von 1987 gleich zweimal in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch (für Salvador und Plattoon) nominiert, unterlag jedoch Woody Allen (für Hannah und ihre Schwestern)
  • Spricht fliessen französisch
  • Wurde insgesamt sieben mal für einen Oscar nominiert und gewann deren drei (Bestes adaptiertes Drehbuch für Midnight Express, Beste Regie für Plattoon und Beste Regie für Geboren am 4. Juli.
  • Führte Regie bei acht verschiedenen Oscar-nominierten Darbietungen: James Woods, Tom Berenger, Willem Dafoe, Michael Douglas, Tom Cruise, Tommy Lee Jones, Anthony Hopkins und Joan Allen. Douglas gewann den Oscar für Wall Street (1987).