Der Medicus Interview mit Stellan Skarsgård „Ich habe Nicole Kidman fünfmal erfolgreich vergewaltigt“

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Blogbusters hatte im Rahmen der Schweizer Medicus Premiere in Zürich die Gelegenheit mit Stars und Regisseur des Films zu sprechen. Bei Weltstar Stellan Skarsgård (Thor, The Avengers), steigt die Mischung aus Vorfreude und Nervosität bei unserer Autorin Jelena natürlich etwas mehr an als sonst.

Als ich in die kleine Bibliothek im Dolder betrete, steht Stellan Skarsgård bereits im Raum und kommt freundlich auf mich zu. Ein kurzer Händedruck, ein Lächeln. Ich bin vorerst baff. Solch eine Präsenz habe ich bei einem Menschen noch nie erlebt. Dies liegt nicht nur an seinen 1.91 m und den 61 Jahren. Viel mehr ist wirkt er stark und selbstsicher, ohne dabei arrogant oder oberflächlich aufzutreten. Die tiefe, beruhigende Stimme trägt ihren Teil bei. Charisma pur.

Den Schnaps für die Lady, bitte!

Wir sitzen in der Bibliothek des Dolder Grand in Zürich. Eine intellektuelle Atmosphäre. Ich hoffe innig, dieser inspirierenden Umgebung und dem ausserordentlichen Schauspieler im Interview gerecht zu werden. Unsere Getränke werden serviert, ich bekomme einen Cappuccino und er lächelt, während man ihm ein kleines Gläschen mit durchsichtiger Flüssigkeit hinstellt:

Stellan Skarsgård: Den Schnaps für die Lady, bitte.

Blogbusters: (ich lache) Sie würden sich wundern, wie viel Schnaps ich trinken kann. Meine Tante hatte ihre eigene Destillerie im Keller.

Stellan Skarsgård: Wirklich? Sie hätten uns etwas mitbringen sollen!

Blogbusters: Ich werde ihnen das nächste Mal eine Flasche mitbringen, versprochen!

Blogbusters: Wie geht es Ihnen gerade? Sie sind auf grosser Promotour.

Stellan Skarsgård: Gut. Ich war in Berlin und letzte Woche in Kopenhagen, jetzt hier. Ich rede seit Wochen. Muss immer gute Antworten parat haben. Meistens dieselben, nur mit anderem Vokabular (lacht).

Blogbusters: Sie waren mit ihrer Ex-Frau 30 Jahre lang verheiratet und haben sechs Kinder. Ich muss einfach wissen, wie man das schafft.

Stellan Skarsgård: Es geht rauf und runter. Man darf einfach nicht aufgeben. Niemals. Man braucht eine Basis aus Respekt und Liebe. Nach dreissig Jahren hatten wir keinen Antrieb mehr. Wir sind jedoch immer noch sehr gute Freunde und feiern mit meinen beiden Frauen und allen acht Kindern Weihnachten.

Ich kann einer jungen Frau doch nicht einen Kinderwunsch abschlagen!

Blogbusters: Sie haben acht Kinder?

Stellan Skarsgård: Ja, es das ist viel. Ich hatte aber Pausen, nur drei kleine Kinder auf einmal. Ausserdem wollte meine neue Frau Kinder. Ich kann einer jungen Frau doch nicht den Kinderwunsch abschlagen. Das wäre unmenschlich und brutal!

Blogbusters: Es war schliesslich auch Ihre Entscheidung. Brauchen Sie Liebe, ist es ein Egotrip? Warum hat man denn genau so viele Kinder?

Stellan Skarsgård: Ich brauchte ein grosses Publikum (lacht). Ich liebe Kinder. Meine Kinder sind alle wundervoll. Es ist auch gut für einen Menschen Kinder zu haben, weil es den schrecklichen Fokus von sich selbst nimmt. Etwas ist wichtiger als du selbst. Speziell wenn man ein Schauspieler ist, da dreht sich schnell alles nur um dich.

Blogbusters: Wie haben Sie Zeit für alle? Eltern fühlen sich oftmals nicht einmal fähig genug Zeit für ein Einzelkind aufzubringen.

Stellan Skarsgård: Ich drehe nicht die ganze Zeit. Manchmal habe ich Pausen von ein paar Monaten, die ich dann zu Hause verbringe. Ausserdem nehme ich sie und Freunde oft zu den Drehorten mit. Der Rekord war, als ich in Rom gedreht habe. Da mietete ich eine Villa in Frascati und hatte 43 Leute dabei (lacht).

Blogbusters: Sie sagten einmal, sie machen gerne Hollywood-Filme, weil sie Spass machen und Geld bringen und kleinere Filme, weil sie herausfordernder sind. Wie war es beim Medicus?

Stellan Skarsgård: Der Medicus war eine riesige Produktion. Ein nicht oft dagewesener, klassischer, grosser, epischer Film. Grosse Bilderwelten, grosse Geschichten. Ich hoffe, er wird sich gut schlagen, denn es wäre schön, diese Art Filme öfter zu sehen. Eine Tradition, welche zurück geht auf David Lean. Die Rolle war natürlich fantastisch. Ein wundervoller Charakter. Dieses gigantische Kind, das auch Schauspieler ist. Ein Mann, der seine Gefühle nicht zeigen mag, weil er die Weichheit in sich selbst nicht mag. Er bekommt einen Sohn, den er nicht wollte. Doch liebt er ihn und kann diesen Fakt nicht akzeptieren (lächelt). Er sagt ihm nicht ein einziges mal etwas Schönes im Film. Genau wie meine Beziehung zu Lars von Trier. Obwohl wir uns lieben, fluchen wir uns die ganze Zeit an. Einfach weil es unterhaltsamer ist.

Ich habe Nicole Kidman fünfmal erfolgreich vergewaltigt.

Blogbusters: Wenn wir schon über Regisseure sprechen: Wie nehmen sie Anweisungen entgegen, wie beeinflusst das die Entwicklung ihrer Figur?

Stellan Skarsgård: Ein guter Regisseur gibt keine Anweisungen. Er macht den Cast und hält dann den Mund. Er kann Vorschläge machen wie: „Versuch doch dies oder das.“. Ein Beispiel: Ich habe Nicole Kidman fünf Mal „erfolgreich“ vergewaltigt in Dogville. Nach dem fünften Mal sagt Lars von Trier zu mir: „Stellan, denkst du, du könntest es spielen wie in einer romantischen Komödie?“. Ich stehe dort und denke mir so: „Hugh Grant!“ Es hat natürlich nicht funktioniert. Aber das macht die Arbeit interessant. Arbeiten heisst für mich auch, in die Möglichkeiten einer Szene zu investieren. Wenn mir jemand zu viele Anweisungen gibt während den Szenen, bringt es nichts. Ich denke dann, wieso hast du überhaupt Geld für mich ausgegeben? (lacht).

Stellan Skarsgård steht auf, läuft langsam zum anderen Tisch und holt eine edle Karaffe mit Wasser, um sich etwas davon einzuschenken. Dies macht er mit solch einer Ruhe und Eleganz, dass ich mich völlig plump fühle. Was für ein Herr. Und dann noch in diesem edlen Raum. Er müsste Brite sein. Und dann bestimmt noch vor unserer Zeit. Das Gespräch verläuft sehr locker, angenehm. Doch werde ich in solchen Momenten durch seine Gestik daran erinnert, dass es sich hier um einen Schauspieler der seltenen Art handelt.

Blogbusters: Sie hatten fünf Jahre lang eine Kameraphobie.

Stellan Skarsgård: Richtig. Ich hatte damals ein paar wirklich schlechte Filme gemacht und wusste nicht was ich tat. Ich war durcheinander. Ich konnte zwar auf der Bühne stehen, doch nicht vor der Kamera. Auf der Bühne ist vieles anders. Viel technischer und sehr gut einstudiert. Im Film ist es, als wurde man auf der Bühne Proben. Vor der Kamera ist man nackt. Das ist ungeplant, instinktiv und natürlich. Deshalb können Amateure gut sein in Filmen. Meine Angst liess sich dann erst nach einem kleinen Schulfilm bewältigen.

Blogbusters: Im Film sind sie der Mentor eines Jünglings, der nach Wissen strebt. Was würden sie einem eher unerfahrenen Schauspieler wie Tom Payne, im wahren Leben mit auf den beruflichen Weg geben?

Stellan Skarsgård: Nichts. Ich habe vier Kinder, die Schauspieler sind. Und ich habe ihnen nicht einen Rat gegeben. Sie müssen ihren Weg selbst finden und kreieren. Es sind ihre Leben sobald sie 16 werden. Wenn Eltern sich einmischen, zerstören sie alles, auf die eine oder andere Art. Entweder die Kinder glauben, ihr Erfolg komme durch die Eltern, was beängstigend sein muss, oder sie schaffen es nicht ihrem Karriereziel näher zu kommen und der Vater ist wieder schuld. Das einzige, was ich meinen Kindern jemals geraten habe ist: Egal wie gross dein Erfolg ist, du bist nicht mehr wert als ein anderer Mensch. Und niemand ist mehr wert als du. Lauf mit dieser Einstellung durch die Welt und nimm dich selbst nicht zu ernst.

Ich bin kein Robert De Niro.

Ich selbst habe am besten durch andere, erfahrene Schauspieler gelernt. Ich war 18 Jahre lang am Dramatheater und habe das meiste dort gelernt. Ich war nie auf der Theaterakademie. Natürlich sind fünf Jahre Akademie super, man kann experimentieren. Doch es geht in diesem Beruf nicht um Theorie. Man muss verdammt nochmal einfach damit arbeiten. Es ist ein Handwerk.

Blogbusters: Wie gehen Sie in die Tiefe eines gespielten Charakters?

Ich komme nicht von der Methodenschauspielerei wie die Amerikaner. Ich bin kein Robert De Niro. Ich komme vom Theater und musste teilweise in Shakespeare drei verschiedene Rollen am gleichen Abend spielen. Aber ich werde nicht zu diesen Personen. Ich überlege mir als erstes, was kann diese Figur dem Film geben, wie kann sie ihn bereichern? Dann befasse ich mich mit den Gefühlen, was macht der Figur Angst, was sind ihre Wünsche. Erst am Set wird dieser Charakter ausgereift. Mein Ziel ist es, der Figur so viel Leben wie möglich einzuhauchen. Doch schlussendlich bestimmt die Person, die den Schnitt macht. Der Regisseur hat viele Optionen, um meine Figur zu dem zu machen, wie sie seiner Meinung nach sein sollte. Als Filmschauspieler hat man keine Kontrolle darüber. Es geht darum, so viel Material wie möglich zu liefern, Optionen, andere Nuancen. Ich gebe da die Kontrolle ab und brauche sie auch nicht. Wenn es ein guter Film sein soll, gehört er voll und ganz dem Regisseur. Wie jedes gute Kunstwerk. Es muss persönlich sein.

Blogbusters: Sie haben in Ihrer Karriere eine breite Palette an Charakteren verkörpert und können auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Hätten sie einen Wunsch frei, welche Rolle würden sie spielen wollen?

Stellan Skarsgård: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich sehr sehr hart dafür arbeiten, diesen zu verwirklichen. Ich denke nicht an die Zukunft. Ich bin sehr gut darin, in der Gegenwart zu leben. Fantasiert man zu stark über die Zukunft, so wird die Gegenwart sehr trostlos (lacht). Es gibt ausserdem keine Rolle, die man nicht spielen kann. Willst du Hamlet spielen? So geh einfach und tu es! Du wirst vielleicht nicht bezahlt dafür aber machen kannst du alles! Es gibt nichts, das man nicht tun kann. Mir geht es nie einfach nur um die Rolle. Ich wähle meine Rollen vor allem wegen der Regisseure aus, weil ich einen Teil ihres Universums verkörpern möchte. Oder weil ich denke, das ist wirklich ein aneckendes Stück, dass viele Leute verärgern wird. Ich möchte Teil davon sein!

Blogbusters: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Stellan Skarsgård: Ihnen vielen Dank für das sehr angenehme Gespräch.

Er steht auf und begleitet mich zur Tür. Was für eine nette Geste. Am liebsten hätte ich ewig weitergeredet. Welch galanter, erfahrener Mann. Es war mir eine grosse Ehre, Herr Skarsgard.

Stellan Skarsgård Privat

John Stellan Skarsgård wurde 1951 in Schweden geboren. Er war seit seiner Jugend als Schauspieler tätig und während 18 Jahren am Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm beschäftigt. Am besten bekannt ist er für die Filme Good Will Hunting, Pirates Of The Carribbean, Mamma Mia, The Girl With The Dragon Tattoo, The Avengers, Thor und sein neustes Werk als nebendarstellender Bader in Der Medicus. Bis heute hat der angesehene Schauspieler in über 80 Filmen und TV-Serien mitgespielt und acht internationale Preise als bester Haupt- und Nebendarsteller gewonnen.

30 Jahre lang war er mit einer schwedischen Physikerin verheiratet und hatte mit ihr sechs Kinder, von denen einige als Schauspieler tätig sind. Seit 2009 ist Stellan Skarsgård mit der 36-jährigen Megan Everett verheiratet und hat mit ihr zwei gemeinsame Kinder.

 

Text und Bilder: Copyright © 2013 Blogbusters