Filth-Interview mit James McAvoy: „Ich habe jede Nacht eine halbe Flasche Whisky getrunken“

Zurich Film Festival

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Während seines Aufenthalts am Zurich Film Festival, fand James McAvoy, der Star aus Wanted und X-Men, Zeit, um sich unseren Fragen zu seinem neuen Film Drecksau (Filth), was er mit seinem Filmcharakter Bruce gemeinsam hat, wie es für ihn war Fan eines gegnerischen Fussballclubs zu spielen und was er  zum fiktiven schottischen Charakters Fat Bastard in Mike Myers Austin Powers Filmen zu sagen hat.

Wir treffen den charmanten Schotten an einer der feinsten Adressen Zürichs, im Nobelhotel Dolder Grand. Es ist nicht sein erstes Interview an diesem Tag. Davon zeugt ein Tisch voller leer getrunkener Wasserflaschen und einem leeren Teller, der noch von seinem kurzen Snack, den er rasch zwischen zwei Interviews dazwischenschieben konnte, liegengeblieben ist.

Ich bin mir nicht sicher, ob der gute Mann überhaupt noch Lust auf einen weiteren Journalisten hat. Aber die Sorge ist unbegründet. Gut gelaunt stellt er sich gleich mit seinem Vornamen vor.

James McAvoy: Bist du Schotte?
Blogbusters: (etwas verdutzt) Äh, nein. Wieso denkst du?
James McAvoy: Ich hatte zuerst verstanden, du heisst so wie ich, James. Deswegen! (lacht)
Blogbusters: (lache) Ach so! Nein, mein Name ist Cem (ich buchstabiere: C, e, m). Der ist türkischer Abstammung.

Ich versuchte herauszufinden, was mir persönlich Angst einjagt.

Blogbusters: In deinem neuen Film Drecksau (Filth) spielst du den verkommenen Polizisten Bruce, ein echtes Arschloch. Wie war das für dich am ersten Drehtag, wie hast du dich für die Rolle in Stimmung gebracht?
James McAvoy: Wow! (denkt kurz nach) Man versucht sich in seine Lage zu versetzen, zu verstehen, was ihn den überhaupt zu so einem Arschloch werden lässt. Ist es Angst? Er glaubt von sich selber, dass er in seinem Innersten nichts weiter ist als Dreck (Filth), wertloser Abschaum quasi. Deswegen muss er diese unechte Rolle erschaffen. Er will sich selber und all den Menschen, vor denen er sich fürchtet vormachen, er sei besser als sie. Er fürchtet sich davor, dass sie ihn zerstören würden, wenn sie seine wahre Natur erkennen würden. Also wird er sein wahres Ich töten müssen oder zumindest was er schon seit seiner Kindheit für sein wahres Ich hält. Das ist sehr traurig, denn nur dadurch verhält er sich überhaupt erst wie ein Arschloch. Also versuchte ich herauszufinden, was mir persönlich Angst einjagt, was ich zu verstecken versuche und wie ich all das noch verstärken könnte.

Blogbusters: Und wie hast du dich körperlich vorbereitet? Im Film siehst du die meiste Zeit über sehr verwahrlost aus. Hast du vielleicht aufgehört dich zu Duschen?
James McAvoy: (grinst) Nein, das nicht gerade. Aber ich habe mich schlecht ernährt, habe über einen längeren Zeitraum viel zu viel gegessen und vor dem Dreh jeweils praktisch jede Nacht eine halbe Flasche Whisky getrunken. Aber das war’s dann eigentlich auch schon in Bezug auf die körperliche Vorbereitung.

Blogbusters: Du bist in sehr vielen Filmen als netter Typ zu sehen. In Drecksau ist jetzt das Gegenteil der Fall. Welche Rollen liegen dir mehr?
James McAvoy: Die drei Rollen, zu denen ich bisher den besten Zugang hatten waren der sehr liebenswerte Faun Herr Tumnus in Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia, Robbie Turner in Abbitte und Bruce Robertson in Drecksau. Aus irgendeinem Grund war es sehr leicht für mich diese drei doch sehr unterschiedlichen Rollen zu spielen und das obwohl ich im wahren Leben definitiv ganz anders bin als diese drei Typen. Privat bin ich kein 400 Jahre alter gehörnter Faun, ich bin kein Robbie Turner… (in diesem Moment brummt mein Smartphone, dass ich zum Aufnehmen des Interviews, im Lautlos-Modus natürlich, auf den Tisch gelegt habe. Mitten in meinem Interview ruft jemand an. Doch bevor ich den Anrufer wegdrücken kann, hat James das schon für mich erledigt) …“it’s alright“… und ich bin auch kein Robbie Turner, ein zwei Meter grosser, muskelbepackter Adonis, wie er im Buch beschrieben wird, und ich bin definitiv auch kein Bruce Robertson. Trotzdem gab es auf irgend eine Weise so etwas wie eine seelische Verbindung  zu diesen Charakteren. Ich glaube übrigens auch nicht, dass Bruce Robertson ein schlechter Mensch ist, aber er ist krank. Wir versuchten ihn sehr facettenreich darzustellen. Er ist im Grunde ein netter Mensch, mit sehr viel schlechten Eigenschaften, die aber im Grunde alle seiner Krankheit zuzuschreiben sind.

 In den USA gibt es Menschen, die halten Harry Potter für schockierend.

Blogbusters: Deine Rolle und vor allem auch der Film als Ganzes wird ziemlich kontrovers diskutiert. Das muss doch für dich als Schauspieler ein gewisses Risiko sein. Hättest du die Rolle in Filth auch ohne die X-Men Franchise in der Hinterhand angenommen?
James McAvoy: Dann erst recht. Man kann es sich nicht leisten, nicht zu arbeiten. Aber klar, das tolle daran, Teil der X-Men-Filme zu sein ist, wenn der die Leute denken Drecksau ist miserabel und ich bin miserabel darin, dann ist das okay. Dann mach ich halt einfach den nächsten X-Men Film und so gesehen ist Drecksau absolut kein Risiko für mich.

Blogbusters: Wir leben in einer Welt, in der wir uns täglich mit Bildern von Sex und Gewalt in den Medien konfrontiert sehen. Trotzdem ist Filth darauf ausgelegt sein Publikum zu schocken. Wieso bist du der Meinung, ist der Film schockierend?
James McAvoy: Ich finde nicht, dass er zwingendermassen schockierend ist. Persönlich halte ich ihn nicht für schockierend. Aber ich weiss, dass es Leute geben wird, die ihn tatsächlich schockierend finden werden. Es gab bereits Menschen, die ihn schockierend fanden, die verärgert das Kino verlassen haben. Aber es gab auch Menschen, die haben Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia wütend verlassen. In den USA gibt es Menschen, die halten Harry Potter für schockierend, weil sie ihn für christenfeindlich halten. Aber wir haben es mit Filth – Drecksau nicht drauf angelegt die Leute zu schockieren. In erster Linie wollen wir das Publikum unterhalten und wenn sie nach dem Film solche Menschen wie meinem Filmcharakter Bruce künftig grundsätzlich offener und weniger ablehnend gegenüberstehen, dann ist das ein Bonus.

Blogbusters: Du bist als glühender Anhänger von Celtic Glasgow bekannt. Wie sehr hat dein Herz geblutet, als du in Filth einen Fan der rivalisierenden Heart of Midlothian spielen und sogar einen Hearts-Fanschal tragen musstest?
James McAvoy: (skandiert) Jamboooo! Playing a Jambo! (Jambo nennen sich die Fans der Hearts, Anm. d. Red.). Es war okay einen Jambo zu spielen. Die sind aus Edinburgh und nicht unsere Hauptrivalen. Einen Fan der Glasgow Rangers zu spielen, was ich übrigens auch schon zwei mal tun musste, wäre das natürlich was anderes gewesen. Aber einen Jambo zu spielen geht voll in Ordnung. Jambos können einem im Grunde echt leid tun. Denen ergeht es eigentlich ziemlich genauso wie meiner Filmfigur Bruce Robertson. (grinst) Ich bin froh, dass ich das hier in der Schweiz gefragt werde. Drüben in Schottland hätten die mich für diese Aussage wohl gelyncht!

Blogbusters: Wärst du eigentlich für ein Wanted 2 Sequel zu haben?
James McAvoy: Grundsätzlich klar! Wenn es ein gutes Drehbuch dafür gäbe, dann bestimmt. Aber zurzeit ist nichts geplant. Es gibt kein Drehbuch.

Blogbusters: Apropos Sequel. Wie wäre es mit einer Fortsetzung zu Trainspotting mit dir in der Hauptrolle? Irvine Welsh ist sowohl der Autor von Trainspotting als auch von Filth. Zudem ist gerade die Verfilmung seines Romans Porno in Arbeit, bei dem Trainspotting-Regisseur Danny Boyle Regie führt. Mit Boyle wiederum hast du eben erst den Film Trance gedreht. Da besteht also eine direkte Verbindung. Kommt hinzu, dass die Original-Schauspieler aus Trainspotting langsam älter werden. Kelly Macdonald beispielsweise ist mittlerweile zu alt…
James McAvoy: (der bis hierhin sichtlich amüsiert zugehört hat, unterbricht) Whaaaaaaat?
Blogbusters: …zu alt, um eine Studentin zu spielen!
James McAvoy: Und fucking Ewan McGregor ist dann nicht zu alt um Renton zu spielen? (guckt schief). Nein, ich weiss nicht. Da kann ich nicht viel dazu sagen. Da hab ich mir bisher noch nie Gedanken drüber gemacht.

Ich mag Fat Bastard. Schotten lachen gerne über sich selbst.

Blogbusters: Okay, was ganz anderes. Ich liebe deinen schottischen Akzent, der auch in Drecksau eine Attraktion für sich ist. Dabei denke ich immer automatisch an die von Mike Myers gespielte Figur „Fat Bastard“ aus Austin Powers. Hast du die Filme gesehen und was hältst du davon?
James McAvoy: Ja! Wir mögen Fat Bastard in Schottland! Ich denke, Fat Bastard ist dort wirklich gut angekommen bei den Leuten. Schotten lachen gerne über sich selbst. Das ist wohl auch der Grund wieso Drecksau in Grossbritannien so gut angekommen ist. Der Film rückt Schottland nicht gerade ins beste Licht. Ob sich das die Schotten trotzdem gerne anschauen? Ja, absolut! Uns macht es nichts aus zu sagen, wir sind ein Haufen fetter Deppen. Und ja, Fat Bastard kam gut an. Wir haben ihn sozusagen mit Haut und Haaren verschlungen!