Interview mit WE’RE THE MILLERS Regisseur Rawson Marshall Thurber: „Wegen Komödien für Erwachsene geht man heute ins Kino.” #locarno66

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Rawson Marshall Thurber hat in seiner Laufbahn neben preisgekrönten Werbespots (unter anderem für Reebok), erst drei Kinofilme produziert. Der Erste war die Komödie DODGEBALL – A TRUE UNDERDOG STORY (2004), mit Vince Vaughn und Ben Stiller in den Hauptrollen. Darauf folgte das Drama THE MYSTERIES OF PITTSBURG (2008) mit Siena Miller und Nick Nolte. Letzte Woche hatte seine zweite Komödie WE’RE THE MILLERS ihre internationale Premiere am 66. Filmfestival in Locarno. Blogbusters sprach mit dem 38-jährigen Kalifornier über den wohl lustigsten Film des Jahres.

WE’RE THE MILLERS Trailer

Im Interview erzählte er uns unter anderem wie sehr er sich über die positiven Reaktionen zu WE’RE THE MILLERS ausserhalb der USA gefreut hat, weshalb sie für den Film einen Wohnwagen in zwei Hälften schnitten, dass er ein Drehbuch für eine Folge von Magnum geschrieben hatte und weshalb er gerne einmal mit Tom Cruise arbeiten würde.

Blogbusters: Wir gratulieren zum Film! Bei der Pressevorführung hat sich der ganze Saal fast totgelacht. Wir wissen alle, wie schwierig es ist, Kritiker zum lachen zu bringen.
Rawson Marshall Thurber: Wirklich? Herzlichen Dank! Das freut mich sehr. Wir wussten nicht wie der Film international ankommen würde. Super, wenn wir unser oberstes Ziel, Leute zum Lachen zu bringen, erreicht haben.

Beim Thema Famillie geht es letztlich immer um eine Gemeinschaft, die einem Liebe, Geborgenheit und Unterstützung gibt.

Blogbusters: Bei welcher Szene mussten Sie selber beim Dreh am meisten lachen?
Rawson Marshall Thurber: (lacht). Ich konnte mich fast nicht mehr halten, als Kathryn Hahn im Wohnwagen darüber spricht, wie klein ihre Vagina ist. Da konnte sich sogar Jason (Sudeikis) nicht zusammenreissen. Und der ist nun wirklich immer sehr professionell. Kathryn Hahn ist eine Assassine. Sie ist einfach zu lustig.

Blogbusters: Wie erklären Sie sich den Erfolg von WE’RE THE MILLERS ?
Rawson Marshall Thurber: Irgendetwas haben wir wohl richtig gemacht. Das Publikum mag den Film und lacht. In der Box Office sind wir ebenso erfolgreich. Auf Twitter kriegen wir von jungen Leuten lauter Komplimente, dafür bin ich sehr dankbar. Finanziell geht es uns bis anhin auch sehr gut (lacht). Dass der Film Erfolg hat, ist sehr ungewöhnlich für eine amerikanische Komödie, die keine Fortsetzung ist. Das ist sehr aufregend für uns alle.

Blogbusters: Sie sagten amerikanische Komödie. Wenn wir schon über Nationalitäten sprechen, was müssen Sie beachten, wenn Sie einen lustigen Film für eine internationale Audienz machen?
Rawson Marshall Thurber: Wissen sie, zu Beginn dachte ich gar nicht daran, dass WE’RE THE MILLERS international dermassen ansprechend sein könnte. Es schien mir eine typische US-Komödie zu sein. Als wir den Streifen aber ein paar internationalen Leuten bei Warner Bros. gezeigt hatten, lachten die sich schlapp und meinten es werde bestimmt ein Hit. So überrascht ich war, so sehr freute ich mich auch darüber. Das Thema Familie ist universell, jeder kann sich damit identifizieren. Sei es die eigene Familie, oder eine, die man sich selbst aussucht. Schlussendlich geht es immer nur um eine Gemeinschaft, die einem Liebe, Geborgenheit und Unterstützung gibt.

Wir wollten die Bösewichte so real wie möglich darstellen

Blogbusters: Welche Charaktere waren besonders schwierig darzustellen?
Rawson Marshall Thurber: Wir wollten die Bösewichte so real und böse wie möglich erscheinen lassen. Wir wussten, sind die Gangster cartoonartig oder lächerlich, nimmt man sie nicht ernst und der Zuschauer hat bei der Verfolgungsjagd keinen Grund, sich Sorgen darüber zu machen, ob der Wohnwagen nun am Strassenrand eine Panne hat oder nicht. Spannung schaffen, ohne dabei die Tonalität zu ernst werden zu lassen, eine Balance zu finden, das war die grösste Herausforderung. Der Charakter von Ed Helms zum Beispiel war nicht leicht umzusetzen, weil er sehr umfassend, lächerlich und unrealistisch ist, im Vergleich zu den anderen.

Blogbusters: Wieso haben sie genau Jason Sudeikis als Hauptdarsteller ausgesucht?
Rawson Marshall Thurber: Das hat mich noch niemand gefragt, gute Frage. Sudeikis ist in den Staaten schon lange bekannt und ich war immer ein grosser Fan von ihm. Für mich war er seit ich denken kann grenzenlos lustig. Er war bloss nie der Drahtzieher. Ich wollte, dass die Hauptfigur einen charmanten und idiotischen Charakter darstellt, was Jason toll verkörpern kann. Das Studio (Warner Bros.) hatte bereits mit ihm zusammengearbeitet und mochte ihn. Er bekam nun endlich die Chance zu glänzen. Und er macht einen ausgezeichneten Job.

Blogbusters: Was taten sie, um eine gute Atmosphäre zu schaffen?
Rawson Marshall Thurber: Jeder Schauspieler wird ihnen bestätigen können, dass man sehr verletzlich ist, wenn man vor einer Kamera steht. Egal ob Jennifer Aniston oder Will Poulter. Es ist immer nervenaufreibend und beängstigend. Geschweige denn halbnackt und nass (wie Jennifer Aniston in der Stripszene, Anm. d. Red.). Der Regisseur muss den Schauspielern ein Gefühl von Sicherheit geben.

Blogbusters: War es für Sie als junger Regisseur schwieriger Anweisungen zu geben? Haben sie manchmal Probleme damit autoritär zu sein?
Rawson Marshall Thurber: Das hat mich auch noch niemand gefragt. Schon zwei Sachen (lacht). Ja, ich bin einer der Jüngeren. Ich denke es geht vor allem darum ehrlich und klar zu sein. Man muss vorbereitet sein, um logisch zu agieren. Man bittet Jennifer nicht darum etwas Undurchdachtes zu tun. Egal wie alt man ist, solange man vorbereitet und mit Leidenschaft dabei ist, eine klare Vision hat, ist es nicht von Bedeutung wie viel Erfahrung man hat.

Filmszene: WE'RE THE MILLERS

v.l.n.r.: Rose (Aniston), Kenny (Poulter), Casey (Roberts), David (Sudeikis)

Blogbusters: Die zwei jungen, sehr talentierten Schauspieler, Will Poulter aus SON OF RAMBOW und Emma Roberts, die Tochter von Eric Roberts und Nichte von Julia Roberts, spielen die Kinder der Millers. Wie gingen die beiden mit der Herausforderung um?
Rawson Marshall Thurber: Beide sind zwar jung, doch sehr erfahren und arbeiteten schon seit ihrer Kindheit als Schauspieler. Da ist der Unterschied. Jennifer und Jason sind sehr hilfsbereit und warmherzig, so konnten sich die beiden wohlfühlen. Will Poulter kannte ich aus SON OF RAMBOW, damals war er zehn Jahre alt. Als er zum Vorsprechen kam, war er neunzehn und unglaublich gross gewachsen. Zuerst erkannte ich ihn gar nicht, doch dann kam sein exzellentes Vorsprechen und wir engagierten ihn.

Blogbusters: Ist es schwierig einen Roadmovie zu drehen?
Rawson Marshall Thurber: Es ist nicht schwieriger als andere Filme zu drehen. Man macht sich bloss andere Überlegungen. Wir wollten nicht, dass sich der Zuschauer im Wohnwagen eingeengt fühlt. Deshalb legten wir grossen Wert darauf, oft ausserhalb und in weitläufigen Kulissen zu drehen. Wir kauften drei Wohnwagen, schnitten einen entzwei und brachten ihn ins Studio. Die meisten Szenen im Trailer wurden also im Studio gedreht. Ein Wohnwagen war noch da für Stunts. Mit dem fuhren wir wie wild in der Gegend herum und beschossen ihn. Der Dritte war sauber und blieb so, für Szenen in denen der Wohnwagen halt schön aussehen musste.

Seit TOP GUN bin ich Tom Cruises grösster Fan!

Blogbusters: Es ist acht, neun Jahre her, seit sie DODGEBALL gemacht haben. Wie denken sie heute über das Comedy Genre?
Rawson Marshall Thurber: Genau, DODGEBALL war 2004. Ein Film, den ich selbst geschrieben habe. Danach kam das kleinere Drama THE MYSTERIES OF PITTSBURG, welches nicht lustig war. Auf jeden Fall nicht absichtlich (lacht). Es ist ein langer Weg bis ein Film entsteht. Man kämpft, um ein Studio von seinen Ideen zu überzeugen, damit sie einem endlich den grossen Scheck übergeben. Comedy verändert sich stetig. Alle fünf Jahre ist wieder ein anderer Stil angesagt. Der Unterschied zu Zeiten von DODGEBALL, der PG13 (Begleitung eines Erwachsenen dringend empfohlen, Anm. d. Red.) war, ist, dass R-Rated (unter 17 Jahren nur in Begleitung eines Erwachsenen, Anm. d. Red.) Komödien stark aufgekommen sind. Also anstössigere Inhalte generell. Dieser Trend gilt vor allem für die USA, wo man heute im Fernsehen nur PG13 Komödien zeigen darf. Deshalb sieht man sich Erwachsenenkomödien im Kino an.

Blogbusters: Wovon träumen sie als Regisseur?
Rawson Marshall Thurber: Ich habe für Universal Studios ein Skript für „Magnum P.I.“ geschrieben, aber es wurde knapp abgelehnt. Wer weiss, vielleicht kriege ich nochmals eine Chance, sofern WE’RE THE MILLERS total erfolgreich wird. Ich würde wahnsinnig gerne mit Tom Cruise zusammenarbeiten. Seit TOP GUN bin ich sein grösster Fan. Er bekommt leider zu wenig Anerkennung für sein Können. Das ist ein Problem vieler gut aussehender Schauspieler. Man unterschätzt sie ganz einfach. Filmschauspieler kriegen generell zu wenig Anerkennung für ihre Leistung. Das Celebrity-Dasein hat seine Schattenseiten. Zur Zeit laufen noch Projekte für eine nächste Komödie. Wer weiss, vielleicht mit Tom Cruise in der Hauptrolle (lacht).