Interview mit 2 GUNS Regisseur Baltasar Kormákur: „Denzel Washington ist ein schwieriger Typ!“

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Regisseur Baltasar Kormákur hat mit seinem Film 2 Guns, das 66. Filmfestival in Locarno eröffnet. Sein Hollywood-Debüt hatte der isländische Regisseur mit Contraband, einem Thriller mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle.

2 Guns Trailer

Schon vorher konnte der 47-Jährige mit Filmen wie THE DEEP101 REYKJAVIK und INHALE beachtliche Erfolge verzeichnen. Nun stellte der charismatische, ursprüngliche Theater-Schauspieler, seinen zweiten Hollywood Film vor und sprach mit uns im Interview über die beiden Hauptdarsteller Denzel Washington und Mark Wahlberg, das Arbeiten in Hollywood, die Doppelmoral in den USA, korrupte Organisationen und wie er versucht Originalität in seine Filme zu bringen.

Denzel Washington sagte zu mir: „Ich weiss gar nicht wieso ich den Oscar für TRAINING DAY gewonnen habe“

Blogbusters: Was verbindet Sie mit dem Filmfestival in Locarno, welche Erinnerungen haben sie daran?
Kormákur: Wissen Sie, hier begann alles. Im Jahre 2000 stellte ich meinen Film 101 REYKJAVIK vor, welcher für die Kategorie „Concorso Internationale“ nominiert war. Ich wusste damals nicht, was ich von diesem Ereignis erwarten konnte, doch es hätte nicht besser laufen können. Bis dahin hatte ich meine Filme nur vor ein par isländischen Zuschauern, die meisten davon Kritiker, gezeigt. Und plötzlich stand ich vor 4.000 Köpfen und sollte eine Rede halten. Ich hatte noch nie so viele Leute gesehen! Ich fühlte mich wie auf einem Rockkonzert. Es war überwältigend. Der Streifen wurde ein Hit wegen Locarno. Damals hatten meine Frau Lija und ich unseren neugeborenen Sohn dabei. Mittlerweile hat er Teenager-Probleme. Da sehen Sie wie lange ich das schon mache (lacht). Ich bin sehr glücklich darüber zurück zu sein und das Festival nun auf der wundervollen Piazza zu eröffnen.

Blogbusters: Wie gingen Sie sicher, dass sich Denzel Washington und Mark Wahlberg am Set verstanden?
Kormákur: Es war in der Tat die grösste Herausforderung! Ich sagte mir: Wenn ich es schaffe, diese zwei Schauspieler zusammenzubringen und sie scheinen zu lassen, wenn wir die richtige Chemie finden, können wir alles erreichen. Ich musste die richtige Atmosphäre sowie Vertrauen schaffen. Wir mussten uns vorbereiten, sodass die Stimmung und Beziehung locker und ungezwungen ist, wenn man dann zu arbeiten beginnt. Die Schauspieler müssen ihre Kameradschaft selbst entdecken, sie lassen sich nicht manipulieren. Ich lege den Grundstein, das Fundament für ihre Zusammenarbeit. Den Rest kommt von selbst. Meine Hauptaufgabe war es, den Ton zu kontrollieren, also Comedy hinzuzufügen oder wegzunehmen, wo nötig.

Denzel Washington ist zurückgezogen und kann schwierig sein!

Blogbusters: Wie war die Zusammenarbeit mit den beiden Hauptdarstellern?
Kormákur: Mark kenne ich bereits aus der Vergangenheit, er ist ein Freund. Er war es auch, der mich für diesen Film an Bord holte. Er ist offen, spontan und gut. Denzel hingegen ist ein schwieriger Typ. Er ist zurückgezogener und kann schwierig sein. Durch seine langjährige Erfahrung hat er eigene Vorstellungen von einer Interpretation. Einmal redeten wir am Set über seine zwei Oscars und er sagte mir: „Weisst du, ich weiss gar nicht, wieso ich den Oscar für TRAINING DAY gewonnen habe. Ich war einfach ich selbst.“ (lacht).

Blogbusters: Welches war die komplizierteste Szene?

Kormákur: Von denen gab es viele. Ich habe keine Angst davor, unvorhergesehenes zu drehen. In manchen Szene spielte ich ein bisschen mit Feuer, was ich übrigens generell liebe. Wie die Szene mit dem Bullen, die nicht im Skript war und ich spontan selbst einbrachte. Ich mag komplizierte Sachen. Viele Aspekte daran waren schwierig. Es war nicht einfach einen Bullen auf Denzel Washington loszulassen (lacht). Schlussendlich war es der Bulle, der Angst hatte.

Blogbusters: Wieso ist dieser Film Ihres Erachtens speziell und wo ist ihre Note?
Kormákur: Ich zitiere für gewöhnlich keine Kritiken, aber dieses Mal werde ich es machen. Weil es eine gute Kritik war (lacht). Jemand schrieb: „Es ist wie bei Jazz. Es geht nicht um das Lied, sondern wie man dahin kommt.“. So versuche ich zwar diverse bekannte Thematiken und Genres aufzugreifen, doch frische Twists und Wendungen einzubringen, um das Ergebnis spezieller zu machen. Ein wenig im Stil der 80er. Es geht mehr um Charakter als um Action in meinen Filmen. Action wurde schon so oft repetitiv abgehandelt, dass ich keine Lust darauf hatte. Viele Leute waren positiv überrascht über den Film und meinten dies sei der lustigste Streifen des Sommers. Und es spielt Denzel Washington mit, stellen sie sich das vor (lacht). Das macht nicht immer Sinn, und die Leute brauchen Zeit es zu verstehen. Deshalb geht man auch ein Risiko ein. Da hätte man sich eher Owen Wilson oder Vince Vaugn an der Seite von Mark Wahlberg vorstellen können. Aber dann wäre es klassische Comedy gewesen, und das wollte ich nicht. Es wäre zu einfach gewesen. Aber in diesem Fall schleust man einen der seriösesten Schauspieler Hollywoods in eine Comedy. Und das ist riskant und frisch für mich. Mit 2 GUNS wollte ich mich nicht wiederholen. Ich suchte nach einer Möglichkeit meinen persönlichen Humor und Stil durchzuziehen. Es war eine Chance mich neu zu erfinden!

Blogbusters: Wie kamen sie von Island nach Hollywood? Ist es ein langer Weg?
Kormákur: Es ist ein total langer Weg! Es ist sogar schon ein ewig langer Weg von Island nach Locarno (lacht)! Als Kind war es nicht einmal eine mögliche Option für mich, so weit weg schien Hollywood. Es war nicht mein Traum, weil es unerreichbar schien. Ich war erfüllt und glücklich Filme aus meiner Heimat machen und im Ausland zeigen zu können. Nach Locarno im Jahr 2000 kam das Filmfestival in Toronto und plötzlich kamen die Agenturen aus Hollywood auf mich zu. Die Projekte waren aber uninteressant, Horrorfilme beispielsweise. Da dies nicht meinen Vorstellungen entsprach, beschloss ich noch ein wenig zu warten und stattdessen zwei weitere Filme in Island zu machen: THE DEEP und JAW CITY. Beide waren sehr erfolgreich, weshalb ich dann interessantere Angebote aus Hollywood bekam. Ich wollte mich aber nicht an ein Studio verkaufen. So nahm ich den von mir produzierten Film REYKJAVIK-ROTTERDAM  und machte daraus ein Remake namens CONTRABAND mit Mark Wahlberg. So konnte ich nach eigenen Spielregeln in Hollywood Fuss fassen und mir Türen öffnen. Es ist nicht so, als könnte man nach Hollywood kommen und erwarten, dass man Projekte bekommt, die man auch zuhause bekäme. Die tollen Projekte stehen grundsätzlich Regisseuren zu, die weit oberhalb von mir stehen.

Wenn Filme für Propaganda genutzt werden, sind wir wieder bei den Nazis.

Blogbusters: Trotzdem können Sie heute wahrscheinlich nicht mehr zu 100% das tun, was sie gerne würden. Welches waren die Kompromisse, die Sie für den Erfolg in Hollywood eingehen mussten?
Kormákur: Man kann niemanden um 60 Millionen Dollar bitten und erwarten, dass man machen kann wozu man gerade Lust hat. Trotzdem ist meine Handschrift erkennbar. Mit dem Erfolg kommt die Macht, die es mir erlaubt mehr und mehr – auch in Hollywood – ich zu sein. Um meinen schwarzen Humor durchsetzen zu können, musste ich teilweise kämpfen. Es geht um meinen isländischen, trockenen und schwarzen Humor, der viel mit der Mentalität zu tun hat und aneckt. In Amerika sind aber Nippel völlig in Ordnung, etwas das ich nicht verstehe. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht nach Amerika
gehen kann, um Sexualität, wie in meinen vorherigen Filmen zu zeigen. Ich liebe Europa, weil ich mich lustig machen kann über kleine Penisse von Japanern oder über einen, der sich mit Aids umbringen will. Man nimmt den Worten die Macht und kann Absurdität zeigen und damit spielen. Wir sind in den USA an einem Punkt, wo sich die politische Korrektheit ins Unermessliche steigert. Es ist schrecklich, wenn das Filmemachen so eingeschränkt wird. Wenn Filme für Propaganda genutzt werden, sind wir wieder bei den Nazis. Wir wollen Filme gegen Rassismus machen, können sie jedoch nicht über Rassismus machen. Keine Kunst sollte für Propaganda und politische Korrektheit genutzt werden, weil es das künstlerische Schaffen im Keim erstickt. Moral ist etwas anderes. Propaganda bleibt Propaganda, auch wenn man sie mag.

Blogbusters: Wie wichtig waren Ihnen in Bezug auf die Location auch die politischen Hintergründe?
Kormákur: Wir drehten in Texas, New Mexico und an der südlichen Grenze der USA, auch in New Orleans weil wir dort viele nach Western aussehende Städtchen sehen konnten. Ein wenig eine Hommage an den Western. Wissen Sie, als ich 18 Jahre alt war, verbrachte ich einige Zeit in Arizona. Ich war dort Pferdetrainer und hörte und sah einiges über die Grenzgänger aus Mexiko. Eine Thematik, die mich seither beschäftigt. Aber ich bin kein Prediger, die Leute sollen selbst herausfinden was ihnen zusagt und was nicht. Es ist aber ein absolut trauriges und verzweifelndes Problem der USA. Auch der Drogenkrieg ist unfassbar korrupt. All die im Film vorkommenden Fälle gab es schon mal. Es ist traurig, doch es zeigt die reale Situation der heutigen USA. Es ist doch klar, dass viele Leute mitspielen müssen, damit das Drogen-Business funktionieren kann. Ich will die Welt zeigen, dem Zuschauer dabei aber Spass haben lassen.

Blogbusters: Gab es keine Probleme mit den Organisationen wie der CIA und Navy oder sogar den Behörden?
Kormákur: Mein Film hat nicht so stark angeeckt. Ist ja nur ein Actionfilm. Doch es ist klar, dass dies ein Spiegel der Wahrheit ist. All diese kriminellen Organisationen stellen sich den Tatsachen nicht. Auch aus Angst, dass etwas publik werden könnte. Und da sprechen wir von wirklich allen. Die Kirche mit der Pädophilie, die Navy mit ihren Vergewaltigungen. Es wird unter den Teppich gekehrt und gekehrt, bis ihr Journalisten so lange darüber berichtet und man die bittere Wahrheit einfach nicht mehr verstecken kann. Je länger man wartet, desto unangenehmer wird es damit umzugehen, bis es unmöglich wird.

Filmszene: 2 GUNS

Die beiden Partner wider Willen, Bobby Trench (Denzel Washington) und Marcus Stigman (Mark Wahlberg), misstrauen sich gegenseitig mindestens genauso sehr wie den Kriminellen, die sie zur Strecke bringen sollen.

Blogbusters: Es fällt auf, dass sie die Vorurteile der Amerikaner angreifen und ins Lächerliche ziehen. Beispielsweise als Mark zu Denzel sagt, er sei ein Kommunist, nur weil er keinen Donut essen will, oder als die selbsternannten Grenzwächter, Angst vor angreifenden Moslems haben.
Kormákur: Ich spiele mit Rassismus und damit wie Rednecks (weisse reaktionäre Hinterwäldler, Anm. d. Red.) sein können. Sogar Obama hatte damit zu kämpfen, indem er als Muslim mit einem Namen, der ähnlich klingt wie der eines grossen Terroristen, gebrandmarkt wurde. Es ist halt Tatsache, dass unsere Welt so funktioniert. Isst du etwas nicht, sagst du etwas falsches, bist du ein Kommunist. Dies sind alles interessante Thematiken, um mit ihnen zu spielen. Der Film ist politisch unkorrekt und ich liebe es. Gerade weil Amerikaner dazu neigen hyperkorrekt zu sein. Die Filme sind heute meistens ab 13 Jahren freigegeben. In einer Szene schiessen wir auf Hühnerköpfe. Sprengen wir Menschenköpfe ist es egal, sind es aber Hühner, regen sich alle auf. Tierschützer regten sich darüber auf. Aber bitte, es waren nicht echte Hühner. Ausserdem ist es der schnellste und schmerzloseste Weg ein Huhn zu töten. Heute kann man Nacktheit sehen, schiesst aber jemand auf ein Huhn, geht das Chaos los. Ich überschreite gerne Grenzen. Es ist kein Film, der die Welt verändern will. Es geht um Unterhaltung.

Blogbusters: Stehen weitere Projekte in Island an?
Kormákur: Zur Zeit konzentriere ich mich darauf, die Filmindustrie in Island voranzutreiben. Hoffentlich kann ich Island in Zukunft noch mehr einbringen.

Blogbusters: Wird es eine Fortsetzung von 2 GUNS geben?
Kormákur: Ich würde gerne eine Fortsetzung machen. Lieber würde ich selbst etwas schaffen, statt auf den Zug eines anderen aufzuspringen. (Anspielung auf die Comic-basierte Geschichte von 2 GUNS, Anm. d. Red.). Die Geschichte ist interessant und ausbaufähig. Ausserdem hatten wir beim Drehen so viel Spass und improvisierten ständig, dass ich denke, es wäre absolut möglich einen noch besseren Film zu machen! Ganz sicher gibt es Potential für eine Fortsetzung. Aber das liegt nicht in meinen Händen. Das entscheiden momentan andere. Ich bin bereit.

Quelle: Blogbusters
Photo Credits: © Festival del film Locarno / TiPress / Carlo Reguzzi, Sony Pictures Releasing