High-Rise Interview mit Ben Wheatley: „Hiddleston strahlt eine Art inneren Konflikt aus“

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High-Rise Regisseur Ben Wheatley findet, sein Film sei eigentlich gar nicht so gewalttätig und Tom Hiddleston ein klassischer Filmstar. Autopsien sind ausserdem nicht so sein Ding.

Nach der schwarzen Komödie Sightseers (2012) und dem Schwarz-Weiss Thriller A Field in England (2013) ist High-Rise Wheatleys fünfter Langfilm, für den er Stars wie Tom Hiddleston und Luke Evans gewinnen konnte.

Der Film beruht auf einem gleichnamigen britischen Buch aus den Siebzigerjahren von J.G. Ballard. In einem modernen Hochhaus leben die Reichen in den oberen Luxus-Wohnungen, während die unteren Stockwerke von der Mittelklasse bewohnt werden. Das Hochhaus funktioniert mit besonderen Dienstleistungen, wie einem eigenen Laden oder einer Post, als in sich geschlossener Mikrokosmos. Kleine Konflikte zwischen den Gesellschaftsschichten arten zunehmenden aus, bis sich ein blutiger Konflikt entwickelt, der in einem dystopischen Klassenkrieg endet.

Zum Interview treffe ich Ben Wheatly im Zürcher Club Mascott im Rahmen des 11. Zurich Film Festivals. Er hat die Augen eines aufmerksamen Menschen, der seine Umwelt stetig beobachtet.

Blogbusters: Sie haben das Buch als Teenager zum ersten Mal gelesen. Was bedeutet es Ihnen?

Ben Wheatley: Es war für mich der Einstieg in die Jugend-Gegenkultur. Mit High-Rise bin ich also zu meinen Wurzeln zurückgekehrt und habe diese auf die Leinwand gebracht. Aber erst als ich das Buch als Erwachsener erneut gelesen habe, fiel mir auf, dass der Autor J. G. Ballard viele Dinge vorhergesehen hat.

Was genau hat Ballard vorhergesehen?

Er hat beschrieben, dass Leute alles filmen und über eine Art Sharing-Maschine teilen werden. Damit hat er Youtube und ähnliche Dinge vorhergesagt.

Ebenso spricht er in seinem Buch High Rise davon, dass der Untergang einer Gesellschaft durch einen Zweiklassen-Bürgerkrieg ausgelöst wird. Und dies ist in der Weltgeschichte immer wieder passiert. Als wir die Bankenkrise hatten, ist es im kleinen Rahmen auch bei uns passiert und es kann wieder passieren.

Dass Buch schaut in die Zukunft, aber wenn wir den Film heute sehen, blicken wir eigentlich in die Vergangenheit.

Korrekt. Wenn man eine Geschichte mit politischem Hintergrund erzählt, ist es schwierig, sie in der Gegenwart spielen zu lassen. Die Zuschauer fühlen sich dann rasch belehrt. Aber in einem Periodenfilm kann man die Botschaft in Watte einpacken und die Zuschauer können die Geschichte aus einer gewissen Distanz heraus geniessen.

Es gibt keine geschmacksvolle Version von High-Rise.

Haben sie nie daran gedacht, einige Details dem heutigen Empfinden anzupassen? Die weiblichen Charaktere sind zum Beispiel alle extrem passiv und nur dazu da, benutzt zu werden, was die universelle Botschaft des Films vermindert.

Das ist korrekt, allerdings ist es im Buch noch viel schlimmer. Darin sagt keine der Frauen ein einziges Wort und sie werden alle von den Männern durchgehend missbraucht. Wir haben also für den Film bereits Anpassungen vorgenommen. Aber zu dieser Zeit existiert halt eine andere Moral, das ist die schwierige Sache mit Periodengeschichten. Wenn man damit anfängt, moderne Moral oder Gleichheit zwischen den Geschlechtern in alten Geschichten anzupassen, wirkt es plötzlich nur noch wie ein paar Leute in Kostümen.

Sienne Miller als Charlotte Melville in High-Rise

Sienne Miller als Charlotte Melville in High-Rise

Ihre Frau Amy hat das Drehbuch geschrieben. Haben sie dieses direkt übernommen oder hatten sie darauf Einfluss?

Wir halten dies strikt getrennt. Wenn sie das Drehbuch schreibt, mische ich mich nicht ein. Sie schreibt anders als andere Drehbuchautoren, weil sie auch noch Cutterin ist. Deswegen weiss sie beim Schreiben bereits im Kopf, was sie sowieso wieder rausschneiden würde.

Der Film ist sehr intensiv, vor allem die Bilder. Hatten sie nie die Befürchtung, dass sie zu weit gegangen sind? Oder haben Sie nachträglich etwas abgemildert?

Nein, nie, ich mag intensive Filme. Lieber als ein halbherziges Produkt zu gestalten. Das Buch ist auch sehr vivid. Es gibt keine geschmacksvolle Version von High-Rise. (lacht) Ich habe schon gewalttätigere Filme gemacht. Solche Filme sind wie eine kleine Kerze: Diese ist die Stimmung und man kann sie auf einen Schlag mit zu extremer Gewalt ausblasen und den Zuschauer verlieren. Manchmal ist dies notwendig, um die Gedanken der Zuschauer in einen anderen Zustand zu versetzten. Aber dieser Film hatte dies nicht nötig. Man könnte eine extrem gewalttätige Version von High-Rise machen.

In Wirklichkeit bin ich ein ziemlicher Feigling

Die sehr brutalen Szenen im Film sind cinematographisch extrem schön gefilmt. Verbirgt sich dahinter eine tiefere Bedeutung?

Ich wollte einen sexy Film machen, der verführt. Zudem: Warum bleiben die Leute im Hochhaus? Sie sind ja keine Gefangenen, sie mögen es. Aus ihrer Sichtweise heraus sind die Geschehnisse nicht nur schlecht, Die Bewohner sehen keinen zerstörten, schrecklichen Ort. Sie sehen einen Ort, den sie eigentlich ziemlich mögen. Laing geht nicht, es gefällt ihm.

Ausserdem ist der Stil von Ridley Scotts Filmen inspiriert, seinen 70er-Filmen, seinen Werbefilmen.

Gibt es noch weitere Regisseure, die sie inspirieren?

Ich mag Horrorfilme, Actionfilme und Sci-Fi-Filme, aber auch Tarkovsky, Godard und ähnliches. Mich fasziniert besonders der Wechsel zwischen Ruhe und Gewalt, Trauer und Glück und solche Sachen. Vieles kommt auch von den Alan Clarke oder Scorsese Filmen, die ich als Kind gesehen habe.

Jeremy Irons als Anthony Royal in High-Rise

Jeremy Irons als Anthony Royal in High-Rise

Was sind aktuelle Filme, die Ihnen speziell gefallen?

Hard To Be A God (2013), der war fantastisch. Drei Stunden im Dreck rumrollen, das war fantastisch.

Sie haben in anderen Interviews erwähnt, dass Sie Tom Hiddleston unbedingt für die Rolle haben wollten. Aber was war es genau, was sie an ihm fasziniert hat?

Er ist wie ein klassischer Filmstar. Er ist ein gut aussehender Typ und intelligent. Zudem habe ich gedacht: Es wäre pervers Tom dabei zu zusehen, wie er alle diese Dinge tut. Er strahlt eine Art inneren Konflikt aus, eine Differenz zwischen dem, was seine Augen aussagen und dem, was der Rest seines Gesichts ausdrückt. Das hat sich für mich sehr nach Laing angefühlt.

In einer beeindruckenden Szene entfernt Laing als Arzt die Haut von einem Gesicht. Wie bringt man einen solchen praktischen Effekt so überzeugend hin?

Wir waren selbst davon überrascht. Dan Martin war dafür verantwortlich, der für alle meine letzten Filme die praktischen Effekte gemacht hat. Er hat das irgendwie zusammengebastelt, es war schockierend.

Wer hat das „Gesicht“ jetzt? Steht es bei Ihnen zu Hause?

Ich wünschte, ich hätte es. Ich habe am Ende des Drehs danach gefragt, aber es ist verschwunden. Irgendein Fucker hat es. (lacht)

Wir hatten einen Pathologen auf dem Set um sicher zu stellen, dass es korrekt aussieht. Tom hat diesem auch bei einer Autopsie zugeschaut. Einmal kam der Pathologe zu mir und sagte: “Komm runter, ich mach jetzt dann gleich die Autopsie, das musst du sehen” und ich sagte nur: “Nein, nein, das ist schon okay.” (lacht)

Sie drehen also gerne Filme mit brutalen Szenen, aber in echt zuschauen wollen sie nicht?

Nein, nein, ich bin keine gewalttätige Person. In Wirklichkeit bin ich ein ziemlicher Feigling. (lacht) Einige amerikanische Regisseure sind voll macho in der Freizeit, ich nicht. Gewalt ist langweilig.

High-Rise kommt am 30. Juni 2016 in der Schweiz und in Deutschland und am 1. Juli 2016 in Österreich in die Kinos. Unsere Filmkritik dazu gibt es hier: High-Rise Review.

Kurz-Bio Ben Wheatly

  • geboren 1972 in Essex, England, lebt jetzt mit seiner Frau Amy in Brigthon
  • begann seine Karriere als Animator und Kurzfilmregisseur
  • bisherige Langfilme sind Down Terrace, Kill List, Sightseers und A Field in England
  • er führte Regie bei den ersten beiden Dr. Who-Folgen von Peter Capaldi „Deep Breath“ & „Into the Dalek“
  • eigener Blog „Mr. & Mrs. Wheatly“

 

(Titelbild: Ben Wheatley auf dem Set von High-Rise, Credits: Magnolia Pictures)