The Drop Interview mit Regisseur Michaël R. Roskam: „Tom Hardy ist sehr hart mit sich selbst!“

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Der belgische Regisseur Michaël R. Roskam holte sich gleich mit seinem ersten Spielfilm Bullhead eine Oscar-Nomination. Mit dem Thriller The Drop folgt nun sein erster amerikanischer Langfilm. Über seinen Wechsel zum Hollywood-Kino sprach er mit uns ebenso wie über Tom Hardy, seine Vorbilder und darüber, wie man mit einer grossen Klappe einen Job als Journalist bekommt.

Der Thriller The Drop – Bargeld (2014) war eine der grossen Überraschungen des 10. Zurich Film Festivals. Deswegen habe ich mich im Zürcher Nobel-Hotel Widder sehr gerne mit dem belgischen Filmregisseur Michaël R. Roskam für ein Interview getroffen.

The Drop handelt vom Barkeeper Bob, dessen Bar nebenbei Geld für lokale Gangster lagert. Als dieses Geld bei einem Überfall abhanden kommt, gerät Bob in einen unaufhaltsamen Strudel aus Verstrickungen, Lügen und persönlichen Abrechnungen.

Was sich wie ein gewöhnlicher 08/15-Thriller anhört, überrascht dank eines ungewöhnlichen Drehbuchs und Roskams feiner Regiearbeit. Beim Interview wirkt Roskam sehr gelassen und bringt eine gute Portion Humor mit. Seit seinem ersten Langfilm Bullhead (2011), mit dem er gleich für einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert wurde, sind für den belgischen Regisseur schon einige Träume wahr geworden. Zuvor war er Journalist sowie Drehbuchautor und drehte bereits einige Kurzfilme. Mit The Drop startet er nun seine Hollywood-Karriere.

Blogbusters: Woher kommt der Film? Wie sind Sie zu dem Stoff gekommen?

Michaël R. Roskam: Meine Agenten haben mich damals gefragt, ob ich gerne Filme in Hollywood drehen würde. Ich habe sofort zugesagt, weil ich amerikanische Filme liebe. Sie haben meine Werke stark beeinflusst. Anschliessend habe ich das Skript von „The Drop“ zugeschickt bekommen und es fantastisch gefunden. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt Regisseur David Cronenberg noch mit dem Film verbunden und das Skript hiess noch „Animal Rescue“. Deswegen habe ich erst einmal begonnen, eine TV-Show für HBO zu entwickeln.

Erst später hat das Studio von „Animal Rescue“ erneut angerufen, weil es mit dem Film nicht vorwärts ging. Nach meiner Oscar-Nomination habe ich mich mit den Produzenten und dem Studio getroffen, um ihnen meine Vision für die Geschichte zu präsentieren. Etwa fünf Monate später erhielt ich die Zusage.

Blogbusters: Konnten Sie die Schauspielbesetzung des Filmes beeinflussen?

Michaël R. Roskam: Ich habe alle Schauspieler ausgewählt. Tom war meine erste Wahl für die Rolle, ebenso wie Noomi, James und Matthias. Da war also keine schreckliche Hollywood-Story dahinter (schmunzelt), sondern es ist eine wunderschöne Hollywood-Story.

Blogbusters: Dabei hört man immer wieder schreckliche Geschichten über den Wechsel vom europäischen Film zum Hollywood-Film.

Michaël R. Roskam: Ja, das kann passieren. Man muss natürlich etwas Glück haben, aber noch viel wichtiger: Man muss sichergehen, dass man sich die Leute genau ansieht, die den Film produzieren. Wenn nur das kleinste Gefühl auftaucht, dass man mit ihnen vielleicht nicht zurechtkommen könnte, dann ist es besser das Projekt zu verlassen. Ich hatte wirklich Glück und hatte gute, intelligente Produzenten. Es muss möglich sein, nach einem Streit zusammen in eine Bar zu gehen und zu sagen: „Sorry, man“.

Blogbusters: Tom Hardy soll eine sehr spezielle Arbeitsweise haben und nicht immer ganz einfach sein. Wie sind Sie damit umgegangen?

Michaël R. Roskam: Wo haben Sie das jetzt wieder gehört? (lacht) Tom ist ein grossartiger, sehr talentierter Typ, aber er ist sehr hart mit sich selbst und behandelt andere genau gleich, wie er sich selbst behandeln würde. Damit muss man umgehen können. Man muss sich daran gewöhnen, dass er sehr rasch in eine sehr nahe Beziehung schaltet. Darauf reagieren alle Leute unterschiedlich. Dafür erhält man von ihm aber eine wundervolle Performance und das ist das einzige was zählt zwischen Action und Cut. Wir werden auf jeden Fall wieder zusammen arbeitet, das ist schon mal ein gutes Zeichen. (lacht)

Michaël R. Roskam mit Tom Hardy und James Galdofini auf dem Set von The Drop

(v. l. n. r.) Michaël R. Roskam mit Tom Hardy und James Galdofini auf dem Set von The Drop

Blogbusters: Sie haben bei The Drop bereits zum dritten Mal mit Matthias Schoenaertens zusammen gearbeitet. Was verbindet Sie mit ihm?

Michaël R. Roskam: Er ist mein Freund und ein fantastischer Schauspieler, genauso wie Tom. Ich arbeite nur mit den Besten! (lacht) Ich gebe mich nicht mit weniger zufrieden, weniger ist nicht gut genug. Es gibt keinen Raum für Mittelmass und Zweifel, die zerstören deinen Film. Matthias ist ein sehr intelligenter, ausgeglichener Schauspieler, der weiss was er tut und was er will. Und er sieht gut aus, habe ich nicht Recht? (lacht schelmisch)

Blogbusters: Sie haben gesagt, dass Sie von amerikanischen Filme beeinflusst wurden. Von welchen genau?

Michaël R. Roskam: Das kann sich jeden Tag verändern. Ich habe etwa 50 Filme. Einige davon sind: „Heat“, „Raging Bull“, viele Scorsese-Filme, Michael Mann-Filme, Filme der Coen-Brüder und von Ridley Scott.

Blogbusters: Sie arbeiten für die HBO-Serie mit Michael Mann zusammen, dass muss für Sie in diesem Fall ein spezielles Erlebnis sein?

Michaël R. Roskam: Zu Beginn hat es sich ziemlich seltsam angefühlt. Er ist einer meiner Helden. Zum ersten Mal haben wir uns getroffen als er mir das Zertifikat für die Oscar-Nomination übergeben hat. Dass Micheal Mann mir mein Zertifikat übergeben hat, das hat mir fast mehr bedeutet als die Nomination selbst. Die Nomination war natürlich genial, aber die Begegnung mit Micheal Mann hat mir persönlich mehr bedeutet. Und jetzt arbeiten wir zusammen, gehen sogar häufig mal zusammen essen.

Blogbusters: Früher waren Sie Journalist, bevor sie begonnen haben Drehbücher zu schreiben und dann Regisseur geworden sind. Was hat sie dazu gebracht, sich als Regisseur zu betätigen?

Michaël R. Roskam: Um ehrlich zu sein, war der Journalismus eher so etwas wie ein Umweg zum Ziel. Ich habe Kunst studiert. Als junger Mann wollte ich Comiczeichner werden, das war das ursprüngliche Ziel. Filme zu machen liegt davon nicht so weit entfernt. Ich bin über das Zeichnen zum Schreiben gekommen und dann kamen Experimentalfilme. Ich habe einfach eine Weile gebraucht, bis ich meine Stimme als Künstler gefunden habe.

Plötzlich scheint einen grossen Bogen um das Thema zu machen und abzuschweifen, was mich kurz irritiert. Was dann aber folgt, ist eine unterhaltsame Anekdote, die man ihm dank seinem gewitzten Selbstbewusstsein sofort abnimmt.

Ich bin ein riesiger Formel 1 Fan, Ayrtin Senna gehört ebenfalls zu meinen grossen Helden. Und ich hatte diesen Freund, der war Sportjournalist und der schrieb unter anderem über Formel 1 Rennen. Ich habe ihm damals gesagt: „Dude, deine Formel 1 Artikel sind schlecht. Du hast keine Ahnung davon. Du schreibst grossartig über Velorennfahrer oder Fussball, aber du hast keine Ahnung von Formel 1.“ Er meint daraufhin nur: „ Ja, und was soll ich dagegen tun?“, und ich sagte: „Lass mich die Artikel schreiben“. Seine Antwort war: „Okay“. So bin ich also mit meiner grossen Klappe auf die Redaktion der Zeitung gegangen und habe denen einfach gesagt: „Lasst mich das schreiben!“ Sie haben meinen Stil gemocht, und ich war drin (lacht). Aber nach einem Jahr habe ich bereits wieder gekündigt. Ich mag Journalismus, aber ich bin kein Journalist, das merkt man irgendwann.

Filmszene The Drop (2014) mit Tom Hardy und Noomi Rapace

Filmszene aus The Drop (2014) mit Tom Hardy und Noomi Rapace

Blogbusters: The Drop enthält eine Menge „gewöhnliche“ Alltagsszenen, die plötzlich durch ein kleines Detail oder einen Eindringling unheimlich werden. Arbeiten Sie generell gerne mit diesem Stilmittel oder hat es für diesen Film einfach gepasst?

Michaël R. Roskam: Ich verwende gerne Subtext und vermeide wenn möglich Szenen, die einem zu explizit erklären, was man zu sehen hat. Speziell bei diesem Film, weil alle irgendetwas verstecken. Jeder trägt hier eine Maske, alle spielen etwas vor, alle lügen. Nichts ist so wie es scheint. Anstatt zum Beispiel in einer Szene jemanden sagen zu lassen: „Ich mache mir Sorgen, alles geht schief.“, zeige ich lieber wie er unruhig und gereizt in einem Dialog reagiert. Ich liebe solche Szenen. Ein weiteres Beispiel ist, anstatt ihn sagen zu lassen: „Wir brauchen Geld.“, lasse ich seine Schwester sagen: „Wir brauchen Geld für unserer Vater im Heim, sonst werfen sie ihn hinaus.“. Das sind subtile Wege zu zeigen, weshalb Leute tun, was sie tun.

Blogbusters: Und wie weit sind Sie jetzt schon in der Entwicklung der HBO-Serie?

Michaël R. Roskam: Ich schreibe momentan die Pilotfolge für die Serie. Wenn HBO das Skript gefällt, werden wir es umsetzten, ansonsten müssen wir es anders versuchen. Leider darf ich nicht sagen, worum es in der Serie genau geht.

Blogbusters: Konzentrieren Sie sich momentan voll auf die Serie oder haben sie noch anderen Projekte am laufen?

Michaël R. Roskam: Daneben arbeite ich an einem Spielfilm, der bereits in Entwicklung war, bevor ich nach Amerika gekommen bin. Das wird wahrscheinlich mein zweiter oder eventuell mein dritter. Dazu arbeite ich noch an zwei weiteren amerikanischen Projekten, zu denen ich ebenfalls noch nichts sagen kann.

Am 1. April erscheint das spannende Krimi-Drama The Drop – Bargeld als Blu-ray und DVD. Zur Filmbesprechung.

Kurz-Bio Michaël R. Roskam

  • 1972 in Sint-Truiden, Belgien geboren
  • studierte in Belgien erst Kunst an der St. Lucas Academy of Fine Arts und machte anschliessend seinen Master in Drehbuchschreiben und -entwickeln am Binger Film Institute
  • sein erster Spielfilm war Bullhead (2011), der prompt für einen Oscar als „Bester Fremdsprachiger Film“ nominiert wurde
  • zuvor drehte er bereits einige Kurzfilme, schrieb Drehbücher und war als Journalist tätig

Trivia The Drop

  • basiert auf der Kurzgeschichte „Animal Rescue“ von Dennis Lehane („Mystic River“, „Shutter Island“)
  • Dannie Lehane hat seine eigene Kurzgeschichte mittlerweile, basierend auf dem Drehbuch des Film, zu einem Buch namens The Drop erweitert.
  • Die dritte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Roskam und Schauspieler Matthias Schoenaerts, die vorhergehenden waren The One Thing to Do (2005) and Bullhead (2011).