Diana Interview mit Oliver Hirschbiegel: “Naomi Watts war Dianas Spiritualität unheimlich”

Der "Diana" Regisseur im persönlichen Gespräch mit Blogbusters

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Mit Der Untergang (2004) räumte Oliver Hirschbiegel Filmpreise auf der ganzen Welt ab und war in der Kategorie Bester Fremdsprachiger Film sogar für einen Oscar nominiert. Am 9. Zurich Film Festival vom letzten Oktober, gastierte der Regisseur an der Limmatstadt, um seinen neusten Film, Diana, zu promoten. Blogbusters traf ihn zum Interview.

An einer der nobelsten Adressen der Schweiz, dem Hotel Baur au Lac, in dem auch schon Hollywood-Grössen wie Alfred Hitchock, Daniel Craig, Hugh Jackman und selbst US-Präsidenten nächtigten, bin ich zu einem kurzen, 15-minütigen Interview mit Oliver Hirschbiegel verabredet. Als ich die Lobby betrete, führt man mich in einen privaten Nebenraum, in dem noch weitere Journalisten auf ihren Termin warten.

Auch Kollegen aus dem Ausland haben ihren Weg hierher gefunden. Einige von ihnen sitzen angeregt zusammen am Tisch und lästern über Hirschbiegels neustes Werk ab, dass der Presse vorab gezeigt wurde. Da wird nichts ausgelassen. Eine Hasstirade folgt der Nächsten und ich frage mich, ob diese sogenannten Filmkritiker dem Werk überhaupt je eine Chance gegeben haben oder ob sie einfach nur gekommen sind, um es von Anfang an in der Luft zu zerreissen. Auch wenn man tatsächlich den einen oder anderen Kritikpunkt nachvollziehen konnte, diesem Bashing auf Stammtisch-Niveau wollte ich nicht mehr länger zuhören und so war ich buchstäblich wie erlöst, als man mir mitteilte, dass ich nun mit Herrn Hirschbiegel sprechen dürfe. Ganz gesittet natürlich. 

Im Zimmer angekommen, wusste ich nicht so genau, was mich erwartete. Der Film wurde von vielen Kritikern mit wenig Begeisterung aufgenommen. Mit einem enttäuschten und genervten Oliver Hirschbiegel musste auf jeden Fall gerechnet werden. Als er den Raum betrat, war diese Befürchtung jedoch schnell vom Tisch. Trotz des stressigen Programms, begrüsste er mich locker und offenbar gut gelaunt. Wir stellen uns kurz vor und da geht es auch schon los, schliesslich bleiben mir lediglich 15 Minuten. Und bei solchen Terminen nimmt man es immer genau mit der Zeit. Schliesslich warten unten in der Lobby noch andere auf ihren Termin.

Was hat sie zur Verfilmung von Diana bewogen? Hat sie die Persönlichkeit Dianas gereizt oder war es die Biografie?

Die Biografie kannte ich ja noch gar nicht. Ich hab das Drehbuch in der frühen Fassung auf den Tisch bekommen und war total überrascht (lacht kurz) über die Aspekte von Dianas Charakter, über die ich keine Ahnung hatte. Und dann hat mich halt total diese Liebesgeschichte fasziniert, die mich sehr berührt hat. Ich wollte schon immer eine Liebesgeschichte erzählen und das war halt die perfekte Kombination. Je tiefer ich in die Recherche eingedrungen bin, je mehr ich erfahren habe über Diana, desto faszinierter wurde ich, weil ich einen hoch komplexen Charakter gefunden habe, der sich auch pausenlos selber widersprochen hat. Und sie war auch ein zutiefst verletzter Mensch, was natürlich umso faszinierender ist.

Mir war nicht bewusst, was für ein tief spiritueller Mensch Diana war.

Welche Aspekte oder Facetten von Diana waren Ihnen besonders wichtig auf die Leinwand rüber zu bringen?

Diana hatte für mich etwas von einem altmodischen Filmstar. Das ist etwas was nur wenige Menschen. Die betreten einen Raum und ziehen sofort die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Diese Menschen haben auch die Fähigkeit, gerade und direkt auf andere Menschen zuzugehen und eine sofortige Wirkung auf diese auszuüben. Das wollte ich vermitteln… und gleichzeitig einen Eindruck vermitteln über die tiefe Spiritualität, die Diana hatte, worüber ich nie etwas gelesen hatte. Das habe ich erst im Gespräch mit sehr engen Vertrauten (Dianas) erfahren. Den Aspekt wollte ich drin haben. Dann gab es noch viele andere Seite ihres Charakters, die ich nur als Metaphern oder mit kleinen Hinweisen berühren konnte. Beispielsweise, dass sie auch sehr schneidend sein konnte und ein Problem mit Kritik hatte. Im Film gibt es eine Szene, in der sie sehr schnippisch am Telefon ist und sagt: “Thank you, that was it!”. Das ist ein Verweis darauf, dass sie in der Tat oft sehr enge Freunde von einem Tag auf den anderen abrasiert und nie wieder mit ihnen gesprochen hat. Das war alles wichtig, doch da wollte ich mich nicht zu sehr dran hängen, den im Mittelpunkt der Geschichte steht diese Liebesgeschichte. Diese tiefe, wahrhaftige Liebe die sie hat mit dem Hasnat Khan und offensichtlich natürlich diese Verlorenheit. Welches Foto ich mir von ihr auch immer ansehe, hat eine tiefe Verlorenheit, eine Traurigkeit, eine Hilflosigkeit, eine Unsicherheit. All das sollte in dem Film sein und sollte sich auch in der Figur wiederspiegeln.

Apropos Figur: Haben Sie in Naomi Watts alle diese Aspekte wieder gefunden, die sie gesucht haben?

Ja, durchaus! Über die Spiritualität mussten wir ein bisschen diskutieren (lacht), weil Naomi ein sehr rationaler Mensch ist. Durchaus emotional zwar, aber nicht spirituell. Ihr ist das alles ein bisschen unheimlich. Abgesehen davon ist Naomi eine Ausnahme-Schauspielerin. Sie ist hochgescheit und gleichzeitig ging sie die Sache an wie eine Athletin, indem sie sich  diese Figur monatelang technisch von aussen erschlossen hat, um sie dann von innen zu begreifen und raus zu lassen.

War es eigentlich schwierig, Naomi Watts für die Verkörperung dieser Ikone zu kriegen?

Getroffen habe ich sie in New York und ich konnte sehen, dass sie Zweifel hatte und mit sich gekämpft hat. Aber ich wusste sofort, sie will das machen. Ich wusste, ich hab sie an Bord (stockt kurz). Das hat dann zwar noch ein bisschen gedauert (lacht), aber ich war eigentlich sicher, dass sie es machen wollte. Als Regisseur lernt man ja ein bisschen zu lesen – auch zwischen den Zeilen – und für mich war das eigentlich ziemlich klar, dass sie das machen würde.

Diana erreichte in drei Tagen mehr als die UNO vor ihr in 20 Jahren!

Der Film fokussiert sich auf die letzten zwei Jahre in Dianas Leben, auf diese Liebesgeschichte. Aus welchen Gründen wurde die ganze Vorgeschichte weggelassen?

Die letzten zwei Jahre sind halt insofern spannend als sie diese Liebe, nach der sie sich ein Leben lang sehnt endlich findet, und diese Liebe ihr die Kraft gibt und die Energie sich komplett neu zu erfinden. Nach der Trennung von Charles stagniert ihr Leben, der Palast weiss nicht wie mit ihr umgehen und auch sie selber weiss nicht, was sie mit ihrem Leben anstellen will. Als Diana dann diesen Mann (Dr. Hasnat Khan, Anm. d. Red.) trifft, entdeckt sie an sich eine völlig neue Seite. Sie wird zur sehr starken, zielgerichteten, fast politisch denkenden Frau, die beispielsweise etwas wie das Landminen-Programm sich zu ihrer Sache macht und in drei Tagen mit einem Trip nach Angola mehr erreicht als vor ihr die UNO in 20 Jahren! Insofern ist das für mich der perfekte Ansatz für einen Film gewesen und damit auch mit dem Geschichtsbild aufzuräumen.

Wenn wir gerade vom Geschichtsbild reden, wo versuchten Sie möglichst historisch akkurat zu sein und wo nahmen sie sich gewisse künstlerische Freiheiten heraus?

Da wo ich durfte (lacht!). Bei privaten Dingen, die sich in Schlafzimmern, Küchen und Salons abgespielt haben, kann man halt nur versuchen, sich den Dialoge und Szenen im Geiste der Figuren anzunähern, damit diese authentisch wirken, was aber natürlich auch immer eine künstlerische Interpretation mit sich bringt. Andererseits geht es natürlich um die Wahrhaftigkeit der Liebe. Das ist wiederum ein universales Gefühl. Das kann wieder ganz gut handhaben, denn die Liebe kenne ich, die Liebe hab ich. Andere Situationen sind wiederum gut dokumentiert. Die können wir sehr gut rekonstruieren, weil da wissen wir genau wie das war. Wir haben beispielsweise unzählige Videos, auf die wir uns stützen konnten.

In seinem quasi-Heimatland, Grossbritannien, wurde der Film sehr enttäuschend aufgenommen. An seinem Startwochenende schaffte es Diana knapp auf Platz fünf der UK Filmcharts und die Kritiker verrissen den Film noch mehr als in anderen Teilen der Welt. Das hinterliess natürlich auch Spuren bei Oliver Hirschbiegel. Wer sich so lange Zeit und so intensiv mit einem Projekt befasst, hofft am Ende auf eine positive Reaktion – so wie eine Mutter, die viel Zeit und Liebe investiert, um eine Mahlzeit für ihre Familie zuzubereiten. In diesem Fall hat die Familie aber nicht mit Dankbarkeit reagiert, sondern mit harscher Kritik. Im Interview hat sich Oliver Hirschbiegel diese Enttäuschung darüber bisher nicht gross anmerken lassen. Im finalen Akt jedoch, redet er jedoch Klartext.

Wie lange hat eigentlich die ganze Vorarbeit mit den Recherchen gedauert?

Die Recherchearbeit hört natürlich auch während man dreht nicht auf, aber vor dem Drehstart ich mich ein Jahr lang mit Recherche und Drehbucharbeiten beschäftigt. Das ist schon viel Aufwand. Ich hab alles an Büchern gelesen, was über sie geschrieben wurde, auch diese eigenartigen Theorien über ihren Tod (lacht verschmitzt). Wahnsinnig nützlich waren natürlich die Aufzeichnungen der Vernehmungsprotokolle von Scotland Yard, die nach Dianas tragischem Unfall geführt wurden und in denen auch Hasnat Khan selber zu Wort kommt. Dort wird auch sehr umfangreich beschrieben, wie die Beziehung (zwischen Hasnat Khan und Diana, Anm. d. Red.) sich gestaltet hat, was die Konflikte waren, wie sie miteinander umgegangen sind und so weiter.

Ein geradliniger Film ohne Ironie und Sarkasmus – das sind alles rote Tücher für die Brits.

Hatten Sie auch einmal die Gelegenheit mit Hasnat Khan persönlich zu sprechen?

Nein. Er wusste Bescheid, dass wir diesen Film machen würden, weil wir mit seiner Familie in Verbindung standen, aber er ist ein irrsinnig privater Mensch – das wird auch klar im Film – und er wollte mit dem Projekt eigentlich nichts zu tun haben, ist aber intelligent genug zu wissen, dass es früher oder später einen Film über Diana geben würde. Schliesslich war Diana die berühmteste Frau der Welt, wahrscheinlich in 200 Jahren. Mir hätte das aber auch nicht gut getan, denn in dem Moment in dem man jemanden kennen lernt, den man dann erzählen soll, wird man natürlich emotional persönlich so involviert, dass es schwierig ist, dann weiterhin mit einem unverstellten Blick da drauf zu schauen. Das ist gerade mein Vorteil als Deutscher, dass ich das nüchterner tun kann und auch versuche das nicht britisch zu tun. Da ist kein Sarkasmus in den Film, da ist keine Ironie in dem Film, was ja genau das ist, was die Engländer komplett irritiert – eine direkte Emotion. Im Prinzip ist der Film eine sehr authentische Wiedergabe der Energie, für die Diana stand. Weil die hatte keine Sarkasmus in sich gehabt und keine Ironie in dem Sinne, sondern war sehr geradlinig und offen. Fast unschuldig, aber in einem guten Sinne. Das sind alles rote Tücher für die Brits. Dafür ist sie damals schon geprügelt worden und dafür werden wir jetzt geprügelt. Das macht alles Sinn.

Des Kreis schliesst sich sozusagen.

Ja …

Für weitere Fragen blieben keine Zeit. Schliesslich hatten wir bereits um drei Minuten überzogen.

Oliver Hirschbiegel Privat

Der deutsche Regisseur wurde 1957 in Hamburg geboren. Nach seinem Schulabschluss heuerte er als Schiffskoch an. Später studierte er Malerei und Grafik an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, wo er später ins Studienfach Film wechselte und mit Video und Fotografiere herum experimentierte. Diese experimentellen Filme zogen die Aufmerksamkeit des deutschen Fernsehens auf sich.

Bekannt wurde er durch seine TV-Filme (insbesondere Dramas und Thriller). 2001 gelang ihm mit seinem ersten Kinofilm Das Experiment gleich ein international gefeiertes und mehrfach ausgezeichnetes Debüt. 2004 erschien dann sein bislang grösster Erfolg Der Untergang (engl. Downfall), der die letzten 12 Tage im Leben Adolf Hitlers nacherzählte.

Hirschbiegel gilt als Experte für Dramas, die sich in einer klaustrophobischen Umgebung abspielen.

 

Interview: Copyright © 2013 Blogbusters