Dallas Buyers Club Interview mit Matthew McConaughey: „Vergesst die sympathischen Rollen!“

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Superstar und Frauenschwarm Matthew McConaughey beehrte Berlin anlässlich des Deutschland-Starts seines neusten Filmes, des Aids-Dramas Dallas Buyers Club. Blogbusters war vor Ort und sprach mit dem smarten Texaner.

Nun sitze ich hier im Hotel Adlon in Berlin und warte auf den Sunnyboy schlechthin. Im Hintergrund spielt ein Live Pianist, der nur geringfügig beruhigend auf meine Nerven wirkt, denn dies ist mein erstes Interview überhaupt dann auch noch gleich mit Matthew McConaughey – für einen Film, der insgesamt 6 Oscar-Nominierungen eingeheimst hat! Um mich herum: Journalisten, die bereits jahrelange Erfahrung besitzen und dutzende Stars interviewt haben. Ich trinke meinen Orangensaft und versuche mich locker mit den anderen Redakteuren zu unterhalten.

Dann werde ich in einen Raum mit dem passenden Namen „With a view“ geführt, dass einen traumhaften Blick auf das Brandenburger Tor gewährt. Es klopft und plötzlich steht er auch schon vor mir: Matthew McConaughey. Nun bereue ich es, vorher so viel O-Saft getrunken zu haben, da ich doch extrem aufgeregt war.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Oscar-Nominierung für Dallas Buyers Club! Wie fühlt sich das an?

Sehr gut! Es ist meine erste Nominierung. Es ist besonders schön, dass ich für diese Low-Budget-Produktion nominiert wurde. Der Film geht seit 20 Jahren als Projekt rum. Niemand hatte Interesse daran, kein Studio wollte es finanzieren.
Wir waren extrem glücklich, als wir das Go zum Filmen erhalten haben. Und nach dem ersten Rohschnitt war unsere Reaktion: „Oh… ich glaube das hier ist etwas Besonderes.“. Aber das ist natürlich noch keine Garantie. Dann haben wir versucht, es zu verbreiten. Der Film ist den Leuten im Kopf geblieben und nun, eineinhalb Jahre später, haben wir 6 Oscar Nominierungen für Dallas Buyers Club erhalten. Mit dem kleinen Film, den zuerst niemand realisieren wollte. Das fühlt sich extrem gut an.

Aber ist es nicht seltsam das keiner das Thema für relevant gehalten hat? Vor allem mit den derzeitigen Ausschreitungen in Russland etc.?

Nun ja, der Film wurde vor knapp zwei Jahren gedreht. Zum damaligen Zeitpunkt wußte man natürlich nicht, was die Themen in der Zukunft sind. Dieses Projekt wurde insgesamt 137 mal abgelehnt! Zu deren Verteidigung: Jedes Studio braucht eine Kurzbeschreibung, um zu wissen worum es geht und dann hören Sie: „Das Projekt heißt „Dallas Buyers Club“, es ist ein Aids Drama mit einem sturen Helden.“. Natürlich denkt dann jeder: „Das kann man so nicht verkaufen!“. Das ist ein Film der einen runter zieht, das klingt schrecklich! Zudem konnten wenige sich mit Ron Woodroof identifizieren, da er einfach ein Hurensohn ist. Nur einige wenige sahen die Schönheit und Ehrlichkeit dieses Filmes. Und als ich es gespielt habe, habe ich nicht im geringsten daran gedacht, ihn so zu präsentieren, dass irgendwer Sympathie für den Charakter entwickeln soll. Ich wollte ihn als reellen Typen spielen, egal ob das Publikum ihn nun mag oder nicht, aber die Leute können Ihn verstehen. Und das wollte ich zeigen.

Sie haben sich in Ihrer Film- und Rollenauswahl stark gewandelt (Mud, True Detectives, Wolf of Wall Street). Wie kam es dazu?

Bis vor ungefähr fünfeinhalb Jahren hatte ich viele Action Filme und romantische Komödien gedreht und einfach meine Karriere genossen. Ich war sehr glücklich mit den Filmen. Im Bereich Karriere wollte ich einfach neue Dinge ausprobieren, sehen was es noch so gibt. Und da habe ich mir gedacht, ich möchte meine Karriere etwas verändern, ich wollte die Actionfilme und romantischen Komödien noch eine Weile zurückstellen. Meine Freundin war damals etwas besorgt. Zwei Jahre lang habe ich mich nicht wirklich um das Weiterkommen meiner Karriere gekümmert. In dieser Zeit habe ich mich etwas zurückgezogen. Und irgendwann kamen Angebote wie Magic Mike, Mud und The Paper Boy. Bei Dallas Buyers Club musste ich mich durchsetzen, um den Film realisieren zu können und ich bin immer noch sehr glücklich, dass ich da gepusht habe.

Bei Dallas Buyers Club und auch in Ihrer neuen Serie „True Detective“ spielen Sie nicht mehr den Sympathieträger…

Ja, vergesst die sympathischen Rollen! Ich muss nicht mehr der Publikumsliebling sein. Die Menschen, die ich am meisten mag, denen ist es völlig egal, ob ich sie mag oder nicht.

Ich liebe es zu essen!

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet… mal abgesehen von Ihrem heftigen Gewichtsverlust?

Durch den Gewichtsverlust hatte ich einen sehr durch strukturierten Tagesablauf. Dadurch konnte ich die ganze Arbeit gut abdecken, die ich brauchte, um mich auf den Film und die Rolle einzustellen. Ich mag Essen so sehr, ich liebe es! Ich koche gerne und denke auch oft darüber nach, was es als nächste Mahlzeit geben könnte. Dadurch das dies alles wegfiel, hatte ich am Tag sehr viel Zeit. Und diese Zeit konnte ich perfekt dazu nutzen, um voll und ganz in die Rolle des „Ron Woodroof“ einzutauchen.

Haben Sie sich tiefer mit der Krankheit Aids beschäftigt?

Oh ja, ich habe mit den vier Stufen von HIV beschäftigt… (kurze Pause) Wissen Sie? Wenn man HIV ein mal hat, wird man es nie wieder los. Die Menschen die an AIDS erkrankt waren, wussten, dass sie sterben werden. Aber wie schafften sie es, das Leben in dieser Zeit lebenswert zu machen und womöglich die Lebenszeit sogar noch ein wenig zu verlängern? Vieles davon finden wir bei Ron wieder. Er hat nicht direkt gesagt, dass er ein Leben verlängern kann, wenn man mit HIV erkrankt ist, aber die Lebensqualität könne durchaus angehoben werden, solange man noch am Leben war.

Während des Interviews zeigt er sich sehr offen und spielt nebenbei oft mit einem kleinen, recht alten und definitiv kleinem Smartphone rum.

In den Achtzigern hatte man das Gefühl, dass die gesamte Welt homophob war. Haben Sie sich damals auch unwohl gegenüber Homosexuellen gefühlt?

Es wäre zu einfach zu sagen, jeder war homophob. Es war eine Zeit, in der es keine zuverlässigen Quellen gab. Einige haben sogar gesagt man kann HIV durch Schweiß übertragen! Sie haben dies als Fakten präsentiert. Ich selbst war bei drei verschiedenen Ärzten und ließ mich beraten. Alle haben mir drei völlig verschiedene Dinge erzählt. Ich habe jedem Arzt gesagt: „Ich bin heterosexuell, ich verwende keine intravenösen Drogen und ich schlafe nicht mit Prostituierten.“. Der erste Doktor sagte mir: „Unmöglich, Sie können es nicht bekommen.“, der zweite meinte, die Chancen stehen bei 1:1 Million und der dritte sagte, die Wahrscheinlichkeit läge bei etwa 1:110. Also was sollte ich tun? Ich wollte das der erste Doktor recht hat, aber was ist wenn der dritte recht haben sollte? Ich fühlte mich erschrocken. Sehr erschrocken von den verschiedenen Meinungen, denn auf keine konnte ich mich verlassen.

Es war also nicht unbedingt Homophobie wenn man sagte: „Ich will nicht mit dir Joggen gehen.“. Es war eine starke Verunsicherung. Die Homophobie kam von der puren Ignoranz, nicht zu wissen, was die genauen Auslöser für die Krankheit sind. Was macht man, wenn man nicht genau weiß wie man sich ansteckt?! Man geht dem Ganzen aus dem Weg. Viele wollten nicht mal im selben Raum mit HIV-Infizierten sein!

Die Zeiten haben sich geändert. Doch viele empfinden Dallas Buyers Club trotzdem als „harten Stoff“. Was denken Sie, warum sind noch immer viele Menschen dem Thema so abgeneigt?

Ich glaube schon, dass die Leute dem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken. Allerdings verstehe ich auch, wenn sie Abstand davon nehmen, genau wie die Studios von diesem Film Abstand nahmen. Es ist ein Drama, es ist kein „Feel-Good-Movie“. Es ist harter Stoff. Aber gleichzeitig ist es auch unterhaltsam und informativ. Ich glaube, wir haben hier eine gute Balance gefunden. Wir haben den wilden Cowboy, der uns durch den Film führt, mit seiner Power und seinem sturen Eifer, das macht einige sehr wichtige und sogar humoristische Elemente im Film aus. Da gibt es beispielsweise die eine Szene, in der Ron nach dem Abendessen mit Eve (Jennifer Garner, Anm. der. Red.) alleine Zuhause vor den Bildern nackter Frauen masturbiert, und plötzlich sieht man Bilder von Rayon (Jared Leto, Anm. d. Red.) dazwischen und Ron schreit: „Dieser Hurensohn“. Aber auch die Szene in der er betet und man sieht Rons Gesicht in der Nahaufnahme und der Zuschauer denkt, er ist in einer Kirche und findet zu Gott. Dann zoomt die Kamera raus und man sieht: Er ist im Stripclub. Dies sind lustige Szenen. In einer anderen Szene geht er mit einem Mädchen auf die Toilette. Das ist wirklich passiert, das haben wir auf Tonaufnahmen von Ron gehört, nachdem er mit AIDS infiziert war. Von seiner Art zu sprechen konnten wir ableiten, dass die beiden Sex miteinander hatten. Ich erinnere mich, dass ich zu Jean Marc Vallee sagte: „Diese Leute, die HIV-infiziert sind, suchen sich und schlafen dann miteinander.“ Er war sich unsicher, ob man das im Film zeigen könnte, aber Jean Marc Vallee hat es fertig gebracht! Er hat den Film durch diese Szenen aufgelockert, ohne den Film lächerlich wirken zu lassen. Es zeigt auch, wie ehrlich Humor sein kann.

Ich zweifle jetzt Autoritäten stärker an als früher und glaube nicht mehr alles was mir erzählt wird.

Der Film zeigt sehr deutlich den Kampf eines Individuums gegen ein korruptes System…

Einige meiner Herausforderungen in dieser Rolle war, das Ron mit viel Widerstand zu kämpfen hatte. Und seine Emotionen gehen vom Leugnen zur Angst und dann zur puren Wut über. Diese Wut hat ihn dazu getrieben, immer weiterzukämpfen, gegen die FDA und gegen den Tod.
Wenn man die alten Tonbandaufnahmen von Ron hört, war er manchmal extrem amüsant, dann redete er wie ein Professor, manchmal verlor er seine Gedankengänge, das kam von der Demenz. Und er machte auch gerne mal unanständige Scherze. Ron hatte auch viel Verschwörungstheorien, z.B. dass sein Telefon abgehört würde. Er hatte besonders viele Verschwörungstheorien über die FDA und ich glaube einige waren tatsächlich wahr.

Würden Sie sagen, dass er ein typischer Texaner war?

(Überlegt kurz) Nein, so würde ich das nicht nennen. Was mir aufgefallen ist, als ich mich mit der Rolle näher beschäftigt habe, war neben seiner ersten Reaktion: „Was genau sagen Sie da, Doc?“ Er wurde wütend auf die Krankheit, er nahm es extrem persönlich. Er hat einfach die komplette Situation geleugnet und dem Arzt unterstellt, dass er keine Ahnung hatte von dem er sprach. Er wurde aggressiv und wollte sogar den Arzt angreifen… und dann ganz plötzlich hat er von alleine abgewiegelt und gesagt: „Ich hau ab! Mich kann eh nichts umbringen!“ Diese Art von Menschen kenne ich tatsächlich.

Inwieweit hat diese Rolle Sie persönlich verändert?

Ich brauchte durch den Gewichtsverlust drei Stunden weniger Schlaf. Ich zweifle Autoritäten jetzt stärker an und interessiere mich viel mehr für Politik. Ich schreibe Briefe an Kongressabgeordnete und Senatoren und glaube nicht mehr alles was mir erzählt wird.

Und dann waren die 25 Minuten Gesprächszeit auch schon wieder vorüber. Die Zeit verging wie im Flug. Die Leidenschaft, mit der er mir von Dallas Buyers Club erzählte, war absolut mitreißend. Und das mit gutem Recht: Dieser Film hat insgesamt immerhin 20 Jahre und 138 Anläufe gebraucht, um zu entstehen. Der aktuelle Erfolg ist definitiv verdient und sowohl den Machern als auch seinem sympathischen Hauptdarsteller von Herzen gegönnt.

Matthew McConaughey Privat (Kurzbio)

Matthew McConaughey ist der jüngste Sohn eines Tankstellenbesitzers und einer Aushilfslehrerin. Er wuchs aber in Longview, Texas auf, wo er 1988 die lokalen High School absolvierte. Nach einem Zwischenjahr in Australien, besuchte er die University of Texas in Austin, mit dem ursprünglichen Berufsziel Rechtsanwalt zu werden, entdeckte aber noch vor seiner Abschlussprüfung seine Liebe zum Film und wechselte sein Hauptfach von Jura zu Film. 1991 trat er in Studentenfilmen und Werbespots in Texas auf und inszenierte selber Kurzfilme wie den 1992 erschienenen Chicano Chariots. Als McConaughey für eine Rolle im Coming-of-Age-Drama Dazed and Confused (1993) vorsprach, lehnte ihn Regisseur Richard Linklater zunächst ab, weil er ihn als zu schön für die Rolle befand. Erst als Matthew sich die Haare und einen Schnurrbart wachsen ließ, erhielt er den Part. Im Jahr 1995 spielte er neben Renée Zellweger in The Return of the Texas Chainsaw Massacre (1994) einen wahnsinnigen blutrünstigen und sadistischen Killer. Kurz danach zog Matthew nach L.A. um, wo er dank seiner Leistung in zwei hochkarätigen Filmen (Lone Star und A Time to Kill, beide 1996). Der Schauspieler wurde bald als einer der heißesten Jungdarsteller gehandelt. Es folgten Auftritte in Filmen wie Robert Zemeckis Contact (1997) mit Jodie Foster und Steven Spielbergs Amistad (1997). Danach folgten vermehrt Liebeskomödien wie The Wedding Planner (2001) mit Jennifer Lopez und Wie werde ich ihn los in 10 Tagen (2003) mit Kate Hudson. Zwischen 2005 und 2009 folgte ein längere Durststrecke mit Flops wie Sahara (2005), Fool’s Gold (2008) oder Ghosts of Girlfriends Past (2009). Nach einer darauf folgenden zweijährigen Sinnes- und Schaffenspause, kehrte er mit kleineren und unkonventionelleren Rollen wie derjenigen in The Lincoln Lawyer, Bernie, Killer Joe (alle 2011) oder Mud (2012) wieder zurück auf die Leinwand. Mit dem Lob der Kritiker, kam auch sein alter Erfolg wieder zurück. Mit Dallas Buyers Club und The Wolf of Wall Street war er gleich in zwei Filmen zu sehen, die weltweit viel Lob und noch mehr Filmpreise einheimsen konnten. Beide sind auch mehrfach für den Oscar nominiert. Sein nächstes Projekt ist die Hauptrolle in Interstellar (Kinostart: 06.11.2014) im sehnlichst erwarteten nächsten Film von Erfolgsregisseur Christopher Nolan (The Dark Knight).

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