Colonia Dignidad Interview mit Florian Gallenberger: „Bei Emma Watson muss man immer auf Zack sein!“

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Blogbusters hat Regisseur Florian Gallenberger am Rande des Zurich Film Festivals zum Interview getroffen und mit dem Oscar-Preisträger über seinen neuen Film Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück, seine Hauptdarsteller Emma Watson, Daniel Brühl und Michael Nyqvist und über das Drehen von besonders brutalen Szenen gesprochen.

Colonia erzählt eine fiktive Geschichte vor dem realem Hintergrund einer deutschen Sekte, die im chilenischen Hinterland unter der Führung des manischen Paul Schäfer für Angst und Terror unter seinen Mitgliedern sorgte und im Auftrag des damaligen Machthabers Augusto Pinochet auf seinem Gelände politische Gegner folterte.

Der vom deutschen Filmemacher Florian Gallenberger geschriebene (mit Torsten Wenzel als Co-Autor) und inszenierte Thriller, der ab dem 18. Februar in unseren Kinos zu sehen ist, kann es – nicht nur dank seiner Stars – ganz locker mit jeder Hollywood-Produktion aufnehmen.

Du fährst nicht einfach zu einer Sekte und sagst: „Hallo ich bin’s! Erzählt mal.“

Florian Gallenberger empfängt mich in einem geräumigen Sitzungszimmer des Zürcher Nobelhotels Widder, stellt sich mir mit seinem Vornamen vor und bietet mir auch noch gleich ein Glas Wasser an. Ein Service, den man sonst selten von seinem Interviewpartner persönlich geboten bekommt.

Florian Gallenberger: Mit oder ohne?

Blogbusters: Spielt keine Rolle.

Florian Gallenberger: (schnappt sich eine der beiden Flaschen, die bereitstehen) Ich weiss nicht was das ist.

Passt schon, danke! Bevor wir anfangen: Ich war heute morgen im Film und fand ihn wirklich super. Hochspannung pur.

Super! Freut mich sehr, vielen Dank.

Du hast für Colonia, zusammen mit Torsten Wenzel, das Drehbuch verfasst. Wie lange hat der ganze Prozess für die Entstehung des Films gedauert?

Ich bin im Februar 2009 zum ersten mal in die Colonia Dignidad gefahren. Das heisst, das sind jetzt gut sechs Jahre, wobei der grösste Teil natürlich Recherche gewesen ist. Weil, das ist ja eine Sekte und da fährst du nicht einfach hin und sagst: „Hallo ich bin’s! Erzählt mal.“, sondern man muss sich da sehr vorsichtig Schritt für Schritt annähern. Letztlich habe ich es geschafft, zu einer Gruppe jüngerer Colonos, die dort geboren und aufgewachsen sind und dort gelebt haben –  und jetzt zum grössten Teil tatsächlich nicht mehr dort leben – Schritt für Schritt eine Beziehung mit denen aufzubauen und die haben dann – über die Jahre hinweg – tatsächlich mir angefangen die Sachen zu zeigen, und anhand ihrer Erinnerungen mir zu erzählen was alles geschehen ist. Das ist für die nicht einfach gewesen. Da gehört viel Mut dazu und ohne den wäre der Film glaub ich auch nicht möglich gewesen, weil die Colonia ist so ein Ort mit viel Mythen. Keiner weiss so ganz genau was da gewesen ist und was nicht gewesen ist, da ist es einfach unerlässlich das du mit Leuten sprichst, die dort waren und dir sagen, was wie passiert ist. Und dadurch, dass ich mit mehreren ein enges Verhältnis hatte, konnte ich überprüfen, ob die verschiedenen Geschichten auch deckungsgleich waren.

Insider, die über die geheimen Gänge usw. wussten gab es nicht viele. Hattest du auch die Gelegenheit mit solch einem Insider zu sprechen?

Im Laufe der Jahre habe ich mit Betroffenen, Opfern und Tätern sprechen können.

Ich habe auch mit (Mitgliedern) der Gründungsgeneration, die mittlerweile schon über 90 Jahre alt sind und von denen in den letzten Jahren immer mehr verstorben sind, gesprochen und ich habe festgestellt, dass die sich versuchen aus der Sache herauszureden, weil sie natürlich Schuld auf sich geladen haben. Ich habe auch mit chilenischen Studentenaktivisten gesprochen, die 1973 verschleppt und im Betonbunker der Colonia gefoltert wurden, ohne damals zu wissen, wo sie überhaupt waren. Da wurde man zuerst fast umgebracht und danach wieder für ein paar Tage aufgepäppelt und einer dieser Folteropfer erzählte mir, dass er einmal ein Wurstbrot mit einer Essiggurke bekommen hat und als er das gesehen hatte, wurde ihm bewusst, dass er in der Colonia Dignidad war, weil die Kombination Essiggurke und Wurst nichts chilenisches, sondern etwas typisch deutsches ist.

1961 bis 1998 ist die Colonia Dignidad von niemandem betreten worden, den die nicht reingelassen haben. 1998 gab es dann die erste Polizeidurchsuchung und ich habe mit einem der Polizisten gesprochen, die als allererste überhaupt die Colonia ohne vorherige Bewilligung betreten haben. Er hat mir erzählt, dass er die unterirdischen Gänge gesehen hat. Damals wurde es bereits nicht mehr als Folterlager benutzt, aber man versuchte alles so gut wie möglich zuzuschütten und zu verdecken.

Paul Schäfer hat dafür gesorgt, dass es immer wieder Nachwuchs für ihn gab. Kinder, die er später missbrauchen konnte.

Im Film sieht man, dass Sektenführer Paul Schäfer sich an Jungen vergeht, wie war das mit den Mädchen und jungen Frauen?

Männer und Frauen waren – wie im Film gezeigt – strikt getrennt. In der Colonia gab es wie zwei Welten und die Frauen waren dort auf jeden Fall Menschen zweiter Klasse. Die Männer hatten zwar auch ein schlimmes Leben und hatten wahnsinnig viel gelitten, aber sie waren trotzdem in der Hierarchie über den Frauen angesiedelt und haben beispielsweise besser gegessen.

Gemäss meinem Insiderwissen hat Paul Schäfer auch mit einigen wenigen Frauen sozusagen taktische sexuelle Verhältnisse geführt, um auch die Frauen an sich zu binden, oder wenigstens einen Kreis von Frauen um ihn herum. Aber im Grunde war er stark pädophil besessen und hat sich letztlich auch ein System geschaffen, in dem er das über die Jahre hinweg ungestraft ausleben konnte.

Wie war das mit den ranghöheren (männlichen) Mitgliedern in der Colonia, wurden denen Frauen zugesprochen?

Diejenigen Paare, die in Deutschland schon verheiratet waren, wurden über die Zeit, in der das System entstanden ist, voneinander getrennt, durften sich aber ab und an treffen. Paul Schäfer hat auch geschaut, dass es immer wieder Nachwuchs für ihn gab. Kinder, die er später missbrauchen konnte.

Neben den wenigen Kindern, die in der Colonia geboren wurden, hat sie sehr aktiv auch chilenische Jungs adoptiert. Die wurden dann mit deutschen Namen versehen, in die Sekte geholt und waren dann sozusagen Deutsche. Auch das, um neuen Zuwachs für Paul Schäfer zu bekommen. Alles nicht sehr schön.

Und die mussten dann alle deutsch lernen?

Genau! Die sprechen alle deutsch und – ich will jetzt nicht die Namen sagen – sie heissen auch alle deutsch.

Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch mit den Schauspielerinnen Emma Watson (Lena, li) und Vicky Krieps (Ursel, re) bei den Dreharbeiten zu COLONIA DIGNIDAD. (Copyright: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch mit den Schauspielerinnen Emma Watson (Lena, li) und Vicky Krieps (Ursel, re) bei den Dreharbeiten zu Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück. (Bild: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

Die beiden von Daniel Brühl und Emma Watson gespielten Figuren sind rein fiktiv. Worauf wurde beim Casting Wert gelegt, worauf hat man geschaut?

Also bei Daniel muss ich sagen, Daniel war schon in meinem letzten Film (John Rabe aus dem Jahr 2009, Anm. d. Red.) und ich kenne ihn auch schon sehr lange und wir sind auch gut befreundet, von daher wurde da nicht geschaut, sondern das war immer klar für mich, dass es Daniel sein würde und seine Rolle wurde ihm sozusagen auf den Leib geschrieben.

In Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück wird der Spiess umgedreht. Dieses mal ist die Frau die Heldin, die den Mann rettet und nicht umgekehrt. Um ihren Geliebten (Daniel Brühl) zu befreien, schliesst sich Lena (Emma Watson) der fragwürdigen Gruppierung an.

Bei Emma war es so, dass ich für die Rolle eine Frau wollte, die eine Entschlossenheit und innere Kraft hat, gleichzeitig aber trotzdem fragil und verletzlich ist und gleichzeitig war es mir wichtig, dass es jemand mit einer starken, hellen Ausstrahlung sein würde. Und das ist für mich Emma Watson. Wenn sie im Bild ist, dann kuckst du hin und es leuchtet irgendwie, und diese Colonia ist so ein dunkler und so ein abgründiger Ort gewesen, dass ich ich dem dieses Helle und dieses Leuchten gegenüberstellen wollte. Es war natürlich unglaubliches Glück, dass sie dafür zugesagt hat. Wer konnte das erwarten? (lacht)

Wie ist denn Emma Watsons Engagement überhaupt zustande gekommen?

Wir haben natürlich überlegt, ob und wie wir sie überhaupt anfragen sollten und dabei gedacht, wie gross ist die Chance, dass das klappt und dachten dann schliesslich, wenn man nicht fragt, dann erfährt man es nie. Also haben wir irgendwann einmal über einen englischen Casting-Agenten ihrer Agentin das Buch zukommen lassen. Die hat das gelesen und fand es sehr gut und ich könnte mir auch vorstellen, dass es reinpasst, zu dem was Emma machen möchte. Auf jeden Fall hat dann Emma das Buch gelesen und ich kann mich noch sehr gut erinnern: Es war Freitag Nachmittag und es kam ein Anruf bei dem hiess, das Buch würde ihr gefallen, jetzt müsse man sich mal kennenlernen. Im Juli 2014 hatten wir uns dann das erste mal getroffen und ich war total beeindruckt von dieser unglaublich intelligenten und witzigen, jungen Frau. Das galt auch für die Arbeit, man muss da schon auf Zack sein. Klar, sie ist sehr jung, aber sie ist auch ein alter Hase, weil sie schon so früh angefangen hat.

Paul Schäfer Darsteller Mikael Nyqvist ist in Wahrheit ein wahnsinnig angenehmer, lieber Mensch

Wie liefen die Dreharbeiten zu den Szenen ab, in denen Paul Schäfer und andere Männer Frauen verprügeln? Ich stell mir das vom psychologischen Standpunkt her sehr anspruchsvoll vor.

Na ja. Das muss man zuerst mal gut üben – dass ja keiner zu schaden kommt. Da sind auch Komparsen mit involviert, die so etwas nicht gewohnt sind. Man muss für alle klar machen wie die Situation läuft, man kann nicht einfach sagen, lass es uns drehen, weil sonst haut am Ende einer der anderen wirklich eine rein oder sowas. Das will man natürlich nicht. Deshalb muss man sich sozusagen schrittweise heran arbeiten.

Jetzt war es auch so, dass Mikael Nyqvist, der den Paul Schäfer spielt, ein wahnsinnig angenehmer, lieber… also man denkt das nicht, wenn man die Rolle sieht…

Er spielt seine Rolle extrem intensiv.

…ja, aber er ist wirklich der respektvollste und unproblematischste Schauspieler den man sich vorstellen kann und er hat das auch immer sehr genau… alles so… das war schon sehr… (Florian Gallenberger sucht immer wieder nach den richtigen Worten) …versucht so ein Sicherheitsbereich irgendwie zu schaffen. Aber wenn ich jetzt so an Jeanne Werner denke, die die Doro spielt, die im Film ganz schlimm geschlagen wird… das ist natürlich auch für eine Schauspielerin… das kostet schon kraft, aber ich glaube eben, wenn man dann das Vertrauen hat, dass der Kollege auf einen aufpasst, dass die ganze Situation auf einen aufpasst, dann kann man sich da auch reinwerfen. Bei dieser Szene, da waren wir alle so… (lässt sichtlich den Atem stocken) und Jeanne hat das auch ganz toll gemacht. Das hat schon auch beim Drehen eine Intensität gehabt.

Aufgrund des eindrücklichen Casts erhält der Film sicherlich auch internationale Aufmerksamkeit. Hat schon Hollywood an die Tür geklopft. Kommt als nächstes ein ganz grosser Blockbuster?

(lacht) Ja, das wäre schön. Jetzt müssen wir mal schauen. Er (der Film) ist ja noch nicht mal richtig angelaufen. Es ist natürlich schon ein Film, der auf eine mainstreamige Art und Weise gemacht ist. Und es war mir auch wichtig einen Film zu machen, der hoffentlich ein breites Publikum erreicht und der den Leuten auch ein starkes und intensives Kinoerlebnis und nicht eine trockene Geschichtslehrstunde bietet.

Ich hätte nichts dagegen einen Film in Amerika zu machen, wobei es letztlich drauf ankommt, ob man… (unterbricht) …also bei dem Film hat es sechs Jahre gedauert und wenn man da nicht weiss, dass ist die Geschichte, die ich erzählen möchte, dann geht einem zwischendrin die Kraft aus. Das wichtigste ist eigentlich, dass man sagt, die Geschichte ist es mir wert meine Lebenszeit zu investieren und dafür zu kämpfen, weil ich das gut und wichtig finde. Und wenn das dann zufälligerweise in Hollywood sein sollte, dann werde ich mich nicht beschweren. (lacht)

Dann wünsch ich viel Erfolg. Der Film ist super, ich werde ihn gerne weiterempfehlen.

Ja, bitte tue das, laut und deutlich! (lacht)

Diesen Gefallen tue ich dem sympathischen Florian Gallenberger natürlich gerne. Insbesondere weil es tatsächlich auch so gemeint ist. Geht euch den Film anschauen. Euch erwartet ein intensives und packendes Kinoerlebnis mit einem sympathischen Helden-Duo und einem unheimlich diabolischen Fiesling, von dem sich euch die Nackenhaare sträuben werden. Deutsches Kino auf Weltklasse-Niveau.

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