Beautiful Boy Interview mit Felix van Groeningen: „Alle meine Filme sind für mich eine Art der Versöhnung“

Zurich Film Festival 2018

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Im Rahmen des Zurich Film Festivals 2018 hat sich Blogbusters mit dem Regisseur Felix van Groeningen getroffen, der über seinen herausragenden und berührenden Film Beautiful Boy spricht.

Felix van Groeningens Film Beautiful Boy basiert auf den Bestseller-Memoiren von Vater und Sohn, David und Nic Sheff. Shooting-Star Timothee Chalamet (Call Me by Your Name, Lady Bird) spielt Nic, ein herausragender Student mit einer glänzenden Zukunft, der im Alter von 12 Jahren mit Drogen zu experimentieren beginnt und schliesslich eine Abhängigkeit von Crystal Meth entwickelt. Steve Carell spielt Nics Vater David. Er hat viele Phasen des Untertauchens, des Entzugs und von heftigen Auseinandersetzungen mit Nic durchgemacht, aber er ist entschlossen, seinen Sohn vor seinen Abhängigkeiten zu bewahren.

Am vergangenen Zurich Film Festival habe ich mit Regisseur van Groeningen über sein Werk gesprochen.

Blogbusters: Herr van Groeningen, was faszinierte Sie an der Geschichte von Nic und David? Wie kam es dazu, dass dies Ihr erster englischsprachiger Film ist?

Felix van Groeningen: Ich habe mich in vielerlei Hinsicht verbunden gefühlt. Der epische Aspekt dieser Geschichte und die mystische Reise eines Vaters, der seinen Sohn zu verstehen und retten versucht, ihn jedoch gehen lassen muss um sich selbst zu retten, fand ich sehr interessant und berührend. Obwohl ich eine ganz andere Lebensgeschichte habe, fühlte ich mich in einer gewissen Weise verbunden mit Nic und mit seiner Lebensgeschichte und Familiendynamik.

Die Schauspieler Steve Carell und Timothée Chalamet sind die Protagonisten dieses Films. Wie wussten Sie, dass diese zwei so ein tolles Duo sein würden? Ihr Zusammenspiel ist wirklich herausragend.

Vielen Dank. Steve ist ein unglaublich guter Schauspieler. Er war einer der ersten Darsteller, die wir kontaktierten – denn wir behielten bei der Entwicklung des Skripts noch keinen spezifischen Schauspieler im Hinterkopf. Zuvor zog ich verschiedene Schauspieler in Betracht und schaute viele Filme und Interviews und plötzlich kam mir Steve Carell in den Sinn. Als ich dann erneut mein Skript las und mir vorstellte, dass er die Rolle spielte – und ich entschieden hatte, dass er die richtige Person für die Rolle sein würde – begann ich zu weinen. Es war eine sehr physische Reaktion. Entscheidend war für mich seine Aufrichtigkeit, seinen Sinn für die Familie und seine sehr grosszügige und herzliche Art.
Natürlich war auch Timothées Rolle, Nic, die wichtigste neben Steves. Für die Besetzung von Nics Rolle haben wir ein Casting durchgeführt. Als wir Timothées Casting-Video angeschaut hatten, war uns sofort klar, dass er was Aussergewöhnliches hatte. Er war nicht nur sehr charmant, sondern konnte auch düstere Emotionen glaubwürdig spielen.
Als wir schliesslich Steve und Timothée zusammen sahen, war deren Chemie offensichtlich. Wir fühlten es, sie fühlten es. Alle konnten es fühlen.

Haben Sie sich nur auf Nic und sein Buch gestützt bezüglich der Darstellung seiner Sucht oder haben Sie auch weitere Personen konsultiert?

Das Meiste basiert auf Nics Erfahrungen. Wir haben jedoch noch eine weitere Person am Set konsultiert, dich auch Timothée bei der Darstellung unterstützt hat. Ich habe selbst auch Recherche zur Thematik gemacht, jedoch nichts Neues herausgefunden. David und Nics Bücher waren in dem Sinne wirklich eine Art Bibel für Alles, denn sie sind sehr spezifisch, authentisch und ausführlich.


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Beautiful Boy basiert auf wahren Begebenheiten. Inwiefern hat dies Ihre ästhetischen und narrativen Entscheidungen beeinflusst?

Natürlich bringt eine solche Begebenheit gewisse Schwierigkeiten mit sich. Schliesslich aber dient es als ein essenzieller Anhaltspunkt. Meine Regieführung ist nicht geprägt durch ein bestimmtes visuelles Konstrukt. Meine Vision entwickelt sich aus einer Geschichte oder aus einem Umfeld, das mich interessiert. Oft basieren die Geschichten auf wahren Ereignissen. Und wenn dies nicht der Fall ist, so habe ich trotzdem immer einen gewissen Anhaltspunkt auf den ich mich stütze. Auch die Recherchearbeit interessiert mich sehr. Ich hatte die Gelegenheit David kennenzulernen und besuchte ihn und seine Familie in Marin County, wodurch ich einen Einblick in ihr Privatleben bekam. Das half mir sehr, den Film zu visualisieren. Der Film ist keine Biopic, obwohl er auf wahren Begenheiten und Personen basiert – das macht den Film zu etwas Speziellem. Ich hatte in dem Sinne keine Verantwortung gegenüber einem Publikum, denn es kannte die Personen nicht. Somit hatte ich einen gewissen Spielraum zur Verfügung.

Timothée Chalamet, Steve Carell und Felix van Groeningen hinter den Kulissen am Set von Beautiful Boy (Bild: NFP)

Timothée Chalamet, Steve Carell und Felix van Groeningen hinter den Kulissen am Set von Beautiful Boy (Bild: NFP)

Der Soundtrack von Beautiful Boy ist sehr durchdacht und passend. Auch in Ihren anderen Filmen scheint die Musik eine wichtige Rolle zu spielen…

Auf jeden Fall. Dies war weshalb ich unter anderem auf diese Bücher gestossen bin und weshalb ich mich dieser Geschichte identifizieren konnte. David und Nic zitieren sehr viel Musik in ihren Büchern. Zudem ist David ein Journalist und interviewte sehr viele Musiker. Somit hat die Musikwahl auf natürlich Weise ihren Weg in mein Skript gefunden. So zum Beispiel die Nirvana-Szene oder die Szene, wo David das Lied Beautiful Boy für seinen Sohn singt. Ich wollte einen vielseitigen Soundtrack, der Nic und Davids Geschmack und ihre aussergewöhnliche Verbundenheit durch die Musik reflektiert. Der Entscheid, nur Songs und keinen Filmscore zu verwenden, kam erst im Schnitt zustande. Denn mein Cutter ermutigte mich. diese gewagte Entscheidung zu fällen und somit nur Lieder als Filmscore zu benutzen. Was schliesslich stilistisch gesehen funktionierte, denn es harmonisiert die zeitliche und narrative Struktur des Films – die ähnlich wie ein Gedächtnis fungierte. Die Lieder wurden Teil der verschiedenen Figuren und Handlungen.

Ich lerne von meinen Filmen!

Die Familie, ihre verschiedenen Konstellationen und ein tragischer Umstand scheinen sich durch all Ihre Filme – nicht nur in Beautiful Boy, sondern auch The Broken Circle Breakdown (2012) und Belgica (2016) – zu ziehen. Thematisieren Sie diese Aspekte gewollt in Ihren Filmen?

Ja, das mache ich bewusst. Ich komme aus einer liebenswerten Familie, die jedoch einiges durchstehen musste. Obwohl meine Familie einen liebevollen Umgang miteinander pflegt, sind gewisse Dinge in die Brüche gegangen, auch wenn man sich immer noch nahe steht und lieb hat. Ich habe ein gewisses Ideal einer Familie, welche ich mir wünsche. Jedoch sind die Umstände nicht immer so wie man sich diese wünscht. Alle meine Filme sind für mich eine Art der Versöhnung. Menschen widerfahren schlimme Dinge, aber sie stehen sie durch und verstehen danach das Leben besser, beziehungsweise was wichtig ist im Leben. Tragische Ereignisse werden immer passieren und es wird immer Krankheiten und solche Dinge geben, denn so ist das Leben nun mal. Ich mache Filme, die mir dabei helfen, mit Dingen, mit denen ich Schwierigkeiten habe, besser umzugehen. Ich lerne von meinen Filmen.

Ihre Film spricht ein universales Thema an und porträtiert dies auf eine sehr menschliche und einfühlsame Weise. Jedoch bezieht sich das Ende des Films spezifisch auf die USA und scheint ein politisches Statement zu äussern. War dieses Ende ein politischer Entscheid Ihrerseits?

Wir hatten diese Entscheidung gemeinsam im Team getroffen. Heutzutage ist dieses Thema in den USA sehr relevant. Die Thematisierung davon ist vor allem den amerikanischen Zuschauern ein grosses Anliegen. Denn es herrscht zur Zeit eine grosse Opioid-Krise in den USA: Die Leute leiden und sterben aufgrund dieser Krise. Folglich war es wichtig, das im Film zu thematisieren. Aber das war nicht entscheidend für mich den Film zu drehen. Ich habe diesen Film aus sehr persönlichen Gründen realisiert, aber ich kann verstehen, dass es für die Leute essenziell ist.


Felix van Groeningen Kurzbio

Felix van Groeningen wurde 1977 in Gent, Belgien, geboren. Im Jahr 2000 macht er seinen Abschluss an der KASK Filmakademie in Gent. Er ist Regisseur und Autor und bekannt für The Broken Circle Breakdown (2012), Beautiful Boy (2018) und De helaasheid der dingen (2009).