American Pastoral Interview mit Ewan McGregor: „Man sollte nicht über seine Nationalität definiert werden.“

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Ewan McGregor präsentierte am 12. Zurich Film Festival sein Regie-Debut Amerikanisches Idyll und erzählte uns unter Anderem, was ihn dazu bracht Regie zu führen und wie es ist ein so bekanntes Buch zu verfilmen. Ausserdem vielen zwei Sätze zur Trainspotting Fortsetzung.

Als Schauspieler ist Ewan McGregor nicht nur wegen seiner Rollen in den Star Wars und Trainspotting Filmen bebreits bekannt. Mit Amerikanisches Idyll (Originaltitel: American Pastoral) brachte er dieses Jahr sein Regie-Debut ans Zurich Film Festival. Der Film basiert auf dem gleichnamigen bekannten Buch von Phillip Roth.

Die Geschichte handelt vom ehemaligen High-School Sportstar Swede, der sich im Nachkriegsamerika zusammen mit der Beauty-Queen Dawn die scheinbar perfekte Familie auf dem Land aufbaut. Als der Vietnamkrieg eintritt, radikalisiert sich ihre Tochter Mary jedoch zunehmend und begeht eine folgenschwere Tat, die die Familie komplett zerrüttet.

Dass McGregor sich intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt hat, merkt man nicht zuletzt dadurch, dass er eine Menge darüber zu sagen hat. An Worten mangelt es ihm definitiv nicht und interessant sind diese dazu auch noch.

Blogbusters: Weshalb haben Sie sich erst jetzt entschieden das erste Mal Regie zu führen?

Ich weiss, was für eine Zeitverschwendung. (lacht) Die Wahrheit ist: Ich habe nie die richtige Geschichte gefunden. Ich wolle schon seit etwa… (überlegt) Ich wollte schon immer Regisseur werden. Als Schauspieler ist man Filmemacher, aber wir sind nur am Mittelstück wirklich beteiligt. Ich wollte einmal am ganzen Prozess teilhaben. Mit den Kostümdesignern, Schauspielern und Autoren zusammenarbeiten. Allerdings nicht einfach nur, damit ich sagen kann: „Ich bin jetzt ein Regisseur“. Ich suchte eine Geschichte, die ich wirklich erzählen will.

Etwa vor 18 oder 17 Jahre stolperte ich über ein kleines Buch namens “Silk”, das mittlerweile von jemand anderem verfilmt wurde. Damals dachte ich: Das ist es! Aber ich bekam Angst und habe es nicht weiterverfolgt. Drei Jahre später sah ich die Dokumentation “Deep Water” und dachte wieder: Das ist es! Ich fand sogar einen Produzenten. Aber es stellte sich heraus, dass bereits jemand anderem an einem Spielfilm zu „Deep Water“ arbeitet.

Bei American Pastoral war ich erst nur als Schauspieler beteiligt. Vor drei Jahren hatten ich, Jennifer Connelly und Dakota Fanning bereits für den Film zugesagt, als sie endlich einen Regisseur fanden. Nach einem Jahr, im Winter 2014, sagte dieser aber wieder ab. Da dachte ich zuerst: „Das war es mit dem Film.“ Die Dreharbeiten hätten ja bereits im März 2015 beginnen sollen. Als ich aber mit meiner Frau darüber sprach, sagte sie: „Du solltest Regie führen.“ und mein Agent meinte ebenfalls: „Tu es! Du wartest schon so lange auf eine Geschichte, hier ist sie.“ Ich sprach also mit Rosenberg, dem Chef von Lakeshore (Lakeshore Entertainment ist eine amerikanische Filmproduktionsgesellschaft, Anm. d. Red.), und schlug mich als Regisseur vor. Sie sagten ziemlich schnell zu und verschoben die Dreharbeiten auf September 2015, um mir mehr Zeit zu geben.

„Ich habe versucht die Geschehnisse von beiden Seiten zu zeigen.“

Gibt es Aspekte des Films, die sie mit anderen Augen gesehen haben, nachdem sie ihn als Regisseur betrachten mussten?

Ja, man muss viel mehr in die Tiefe gehen. Man muss verstehen, was man mit dem Film sagen will. Allerdings wollte ich in diesem Fall dem Zuschauer nicht sagen, was das ist. Das Wunderbare an Phillip Roths Buch ist, dass er verschiedene Seiten von Argumenten zeigt. Ich wollte den Film in die gleiche Richtung steuern und nicht nur Schwarz und Weiss malen. Zum Beispiel Dawns Charakter, die Jennifer so wunderbar spielt, sie dreht ihrer Tochter den Rücken zu und hat eine Affäre. Das sind alles Dinge mit denen man sie abschreiben und als Bitch darstellen könnte. Aber ich glaube nicht, dass das der Fall ist und dass Roth dies sagen will. Ich wollte, dass wir verstehen können, dass sie einen Zusammenbruch hat. Sie kann ihrer Tochter den Rücken zukehren. Aber kann sie das wirklich? Sie sagt, dass sie es kann, um vorwärts zu schauen und ihr Leben weiterzuführen. Während der Vater verdammt ist. Er kann sein Leben nicht einfach weiterleben. Ich wollte diese Leute verstehen, wollte Mary verstehen. Im Buch ist die Interpretation möglich, dass Mary am Ende einfach nur verrückt ist. Aber ich wollte sie nicht so darstellen, dass wir sie einfach als Wahnsinnige abschreiben. Sie tut, was sie tut, weil sie an etwas glaubte. Sie tat es aus einem Grund.

Phillip Roths American Pastoral ist ein sehr bekanntes Buch, haben Sie deswegen viel Druck verspürt?

Nein, nicht wirklich. Dieser Druck ist nicht nützlich. Ganz ehrlich: Ich wurde geholt, um meine Version der Geschichte zu kreieren, ich tue es nicht für ein Komitee der Bücherliebhaber. Ich habe Roths Werk respektiert und dadurch Druck auf mich selbst gelegt. Deswegen habe ich versucht, die Geschehnisse von beiden Seiten zu zeigen und den Zuschauern nicht vorzuschreiben, was sie zu denken haben. Ich hoffe es ist die Art von Film, bei dem die Zuschauer danach miteinander darüber diskutieren.

Ich kann unmöglich alle zufrieden stellen. Es wird Leute geben, die das Buch lieben und deren Verständnis des Buches nicht mit meinem Film übereinstimmt. Das ist einfach so. Ich durfte den Film machen und sie nicht. Wenn sie ihren Film machen, könne sie ihre Version des Buches präsentieren.

Die Musik spielt eine grosse Rolle darin. Können Sie darüber ein wenig sprechen?

Ich hatte die Idee für „Heaven on Earth“ eines Morgens unter der Dusche als wir in Pittsburgh drehten. Ich fing an den Song zu singen und dachte ich: „Oh das ist ein wenig, wie sich mein Charakter Swede das ländliche Leben mit seiner Familie vorstellt.“

Und jenes Lied, wenn er sie am Bahnhof trifft. Es ist von Creedence Clearwater Revival. Ich kann mich grad nicht an den Namen erinnern. (vermutlich „Fortunate Son“ Anm. der Red.) Es ist, man könnte sagen „übergebraucht“, denn es wurde schon so oft in anderen Filmen verwendet, aber es ist halt wirklich ein Anti-Vietnam Song.

Es gab zudem ein paar Lieder, die ich eigentlich wollte, die aber viel zu teuer waren. Wenn Swede mit der Trophäe in Marys Zimmer kommt, sollte sie ursprünglich Jimmy Hendrixs “Voodoo Child“ hören. Das hätte so gut gepasst, weil Mary ein wenig wie ein Voodoo Child ist in diesem Moment. Es verlieh ihr eine gewisse Kultiviertheit, die Tatsache, dass sie als 15/16-jährige Jimmy Hendrix hört. Aber das Lied hätte uns rund eine Viertelmillion Pfund (ca. 290.000 €) gekostet.

Und natürlich konnte ich mit Alexandre Desplat (Komponist von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Argo, Godzilla usw., Anm. d. Red.) zusammenarbeiten, der wunderbar ist und ein Freund von mir. Ich dachte von Beginn weg an ihn als Komponist, aber er ist sehr beliebt. Wir hatten wirklich Glück, dass er Zeit hatte.

Ewan McGregor und Dakota Fanning in Amerikanisches Idyll (American Pastoral) Szenenbild (Film, 2016)

Ewan McGregor und Dakota Fanning in Amerikanisches Idyll (Bild: Ascot Elite)

Die Geschichte ist sehr amerikanisch, von der prägenden Zeitperiode, bis hin zum Idealbild des High-School-Sportstar und Beauty-Queen Paares. War es für Sie als gebürtigen Schotten schwierig, eine Verbindung dazu aufzubauen?

Nein, weil ich es wie alles andere angehe. In meiner Schauspielarbeit bin ich nie die Person, die ich spiele. Mein Job ist es, neue Dinge zu lernen. Ich glaube nicht, dass man eine Zeitperiode als Schauspieler spielen kann, man kann nur einen Menschen spielen. Ich war also nie einer der unglaublich viel Recherche betrieben hat.

Aber für American Pastoral war es natürlich anders, weil es eine Geschichte über Amerika und eine bestimmte Zeitperiode in Amerika ist. Die Explosion in der Mitte des Films bringt das Leben aller durcheinander. Aber ich denke, sie repräsentiert eine Kollision von zwei Generationen, von der Nachkriegsgeneration und ihrer Kinder, der Anti-Vietnam-Generation. Deswegen musste ich sichergehen, es richtig hinzubekommen. Ich war bereits sehr vertraut mit Vietnam. Ich hatte eine Periode in meinen Leben, in der ich mich stark damit befasst habe, weshalb es passiert ist und was zur Hölle Amerika dort in erster Linie zu suchen hatte. Ich wusste aber nichts über die Aufstände um 1969 in New York und die Rassenaufstände. Darüber habe ich recherchiert.

Ich habe in Amerika gelebt und ich habe eine Idee vom Amerikanismus, weil ich sehr gute amerikanische Freunde habe. Ich glaube nicht, dass einen seine Nationalität definieren oder einschränken sollte. Danny Boyle hat Trainspotting gemacht, einen der schottischsten Filme überhaupt (lacht), aber er ist nicht schottisch.

Im Film haben Sie historische Aufnahmen von den Aufständen in New York eingebaut…

Das Drehbuch hatte bereits historische Aufnahmen drin, aber ich wollte zuerst ohne auskommen. Ich probierte die Szene in der Fabrik so zu kreieren, dass man das Geschehen ausserhalb des Fensters nie sieht, sondern nur die Geräusche hört. Weil die Charaktere ebenfalls nicht zum Fenster können, wegen den Schüsse.

Aber die Aufstände, von denen wir üblicherweise hören und die in unserem Kopf verankert sind sehen anders aus. Es war wichtig zu zeigen, wie die weissen Polizisten die schwarzen Aufständischen geschlagen und verfolgt haben, weil wir dieses Bild heute noch sehen. Deswegen wollte ich diese Szene drin haben, als Statement. Die Aufnahmen waren für Uzo Aduba schwierig anzusehen, weil sie als schwarze Frau auf dieser Seite des Arguments steht, vermute ich.

Trotzdem wollte ich auch hier zuerst keine historischen Aufnahmen verwenden, bis wir wegen einem anderen Vorfall die Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg einfügten. Ziemlich am Anfang des Films hat es zwei Szenen mit Mary. Zuerst sehen wir sie als kleines Mädchen weinend im Bett, nachdem sie die Selbstverbrennung des Mönches im Fernsehen gesehen hat. Dann folgt direkt ein harter Schnitt zu Mary als wütende Jugendliche, 3–4 Jahre später. Ich mochte diesen Gegensatz. Aber als wir den Film dem Testpublikum gezeigt haben, mochten die Leute Mary nicht, weil sie plötzlich so aggressiv ist gegenüber ihrer Mutter. Deswegen haben wir zwischen diesen beiden Szenen die historischen Aufnahmen des Vietnamkrieges eingefügt, um daran zu erinnern was der Krieg für die Vietnamesen bedeutet. Jetzt verstehen wir, weshalb Mary plötzlich so wütend ist.

Erst danach begannen wir auch an anderen Orten historische Aufnahmen einzufügen. Sie geben dem Film mehr Tiefe im Hinblick auf die Geschichte Amerikas.

T2: Trainspotting, was können Sie dazu sagen?

Ich kann sagen, dass wir die Dreharbeiten im Sommer abgeschlossen haben und dass wir hauptsächlich in Edinburgh gedreht haben. (lacht) Wir waren sehr nervös, nach all den Jahren wieder zu den Charakteren zurückzufinden, aber es gelang uns zum Glück.


Jetzt ansehen: T2: Trainspotting Trailer


Kurzbiografie Ewan McGregor

  • geboren und aufgewachsen in Schottland
  • studierte Theater in London an der Guildhall School of Music and Drama
  • Golden Globe Nominationen für seine Rollen in Moulin Rouge und Salmon Fishing in the Yemen
  • weiterhin bekannt für seine Rollen in Star Wars und Trainspotting
  • verheiratet und Vater von vier Töchtern
  • Motorradfahren als Hobby