Die historische Wahrheit hinter The Legend of Tarzan

by

Ich bin von Legend of Tarzan sehr angetan und als Geschichts-Fan positiv überrascht von den authentischen Hintergründen, in welche die fiktive Geschichte Tarzans eingebettet wurde.

Die US-Kollegen von Movipilot.com haben die historischen Fakten zusammengetragen und in einem spannenden Beitrag übersichtlich dargestellt. Ich habe den Artikel frei ins Deutsche übersetzt, vereinzelt Anpassungen und Ergänzungen vorgenommen und – wo vorhanden – deutschsprachige Zitate und Quellen angegeben.

The Legend of Tarzan ist ein faszinierender Film. Es ist eine seltsame Mischung aus Wahrheit und Fiktion; im Zentrum steht ein fiktiver, von Edgar Rice Burroughs geschaffener Charakter, dessen erstes Abenteuer im Jahre 1912 veröffentlicht wurde. Der Film positioniert die Handlung dieses Beinahe-Superhelden sorgfältig vor einem sehr realen Hintergrund, einer Umgebung, die weit weniger fiktiv ist, als wir jemals glauben würden. Das hier ist Wahrheit hinter dem Film …

Der Wettlauf um Afrika

Kongokonferenz (Holzstich von 1885)

Die Kongokonferenz (oder Westafrika-Konferenz) fand vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 in Berlin statt (Holzstich von 1885)

The Legend of Tarzan beginnt mit einer Erwähnung von einer Berliner Konferenz von 1884. Diese Konferenz ist keine Fiktion – sie hat tatsächlich stattgefunden. Europäische Kolonialmächte waren schon lange vom afrikanischen Kontinent fasziniert und erkannten in ihm  eine Quelle für potenziellen Reichtum.

Die Okkupation Ägyptens und die Besetzung des Kongo waren die ersten großen Schritte im Wettlauf um Afrika. Im Jahr 1884 rief der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck zur Kongokonferenz, um die Probleme, die bei der Annexion Afrikas entstanden, zu beseitigen. Die Konferenz fand unter humanitären Vorwänden, etwa der Verurteilung des Sklavenhandels sowie dem Verbot zum Verkauf von Alkohol und Schusswaffen in einigen Gegenden, statt. Zudem sollte die Missionsarbeit gefördert werden. Wichtiger waren jedoch die festgesetzten Regeln für die Kolonisation Afrikas. Leopold II. von Belgien wurde als Oberhaupt des Kongo anerkannt, dessen Territorium jedoch für neutral erklärt, so dass jeder dort nach Belieben handeln konnte. (Quelle: Wikipedia)

König Leopold II. von Belgien

König Leopold II. von Belgien

So wie in Legend of Tarzan dargestellt, wurde das Territorium der heutigen Demokratischen Republik Kongo mit mehr als zwei Millionen Quadratkilometern als Privatbesitz der Kongogesellschaft bestätigt. Damit gehörte es praktisch Leopold II.

Während andere Länder also danach strebten, ihren Anteil am Kuchen im so genannten „Wettlauf um Afrika“ zu erhöhen, hatte Leopold II. tatsächlich Eigentumsanspruch auf diesem riesigen Gebiet erlangt. So wie in Legend of Tarzan gezeigt, begann die Herrschaft von Leopold II. im Kongo-Freistaat (wie der Belgisch-Kongo damals genannt wurde) tatsächlich zu bröckeln, da er hochverschuldet war. Der Film ist völlig korrekt bezüglich der Angabe, dass Belgien 50 Forts im ganzen Kongo-Freistaat errichtete, die weitgehend von Söldnern besetzt wurden.

Die Schreckensherrschaft von König Leopold II. im belgischen Kongo-Freistaat

Samuel L. Jackson als George Washington Williams in Legend of Tarzan (Bild: Warner Bros.)

Samuel L. Jackson als George Washington Williams in Legend of Tarzan (Bild: Warner Bros.)

The Legend of Tarzan stellt eine Reihe von illegalen Grausamkeiten dar, die von den Belgiern durchgeführt wurden. Leider liegt der Film dabei alles andere als falsch. Im Gegenteil: Die Realität war noch um einiges Grausamer als im Film dargestellt.

Colonel George Washington Williams, ein schwarzer Exsoldat der amerikanischen Unionsarmee, bereiste den Kongo im selben Jahre 90, befragte Zwangsarbeiter, Prostituierte, Flüchtlinge und jene Stammeshäuptlinge, die seinerzeit von Stanley über den Tisch gezogen worden waren. Noch im Kongo schrieb er einen Offenen Brief an Leopold, in dem er dessen »Freistaat«-Verwaltung der Ausbeutung, der Vergewaltigungen, der Zwangsrekrutierung von Soldaten und der Sklaverei »im Groß- und Einzelhandel« beschuldigte. Williams’ Dokumentation, die sich wie ein UN-Report über die jüngsten Plünderkriege im Kongo liest, war vermutlich der erste nach modernen Kriterien verfasste Menschenrechtsbericht. Der Brief schlug kurz Wellen in der europäischen Presse, doch Williams’ chronische Geldnöte und sein undurchsichtiger Lebenslauf machten es Leopolds Hofschreibern einfach, den Mann zu diskreditieren. (Quelle: ZEIT ONLINE)

Während The Legend of Tarzan suggeriert, dass nach der Veröffentlichung von George Washington Williams Offenem Brief in der New York Times die Aktivitäten von Leopold II. im Kongo ein für alle Mal beendet hätte, sah die Realität also um einiges düsterer aus. Nur wenig später starb Williams sogar mit ruiniertem Ruf.

Leon Rom

Christoph Waltz als Leon Rom in Legend of Tarzan (Bild: Warner Bros.)

Christoph Waltz als Leopolds Vollstrecker, Leon Rom, in Legend of Tarzan (Bild: Warner Bros.)

Léon Auguste Théophile Rom (der Bösewicht in The Legend of Tarzan, gespielt von Christoph Waltz) war ein besonders übler Zeitgenosse. Er wurde der „Schlächter von Kongo“ genannt, und war – unter der Autorität von Leopold II. – mitverantwortlich für den Tod von schätzungsweise 10 Millionen Afrikanern. Er liess rund um sein Fort unzählige Schädel getöteter Eingeborener aufreihen und hatte einen permanenten Galgen vor der Stanley Falls Station errichten lassen. Leider gab es im wahren Leben keinen Tarzan, der ihm seine gerechte Strafe hätte zuführen lassen können. Stattdessen starb er im Alter von 63 Jahren in der Nähe von Brüssel eines natürlichen Todes.

George Washington Williams

Alexander Skarsgård als Lord Greystoke und Samuel L. Jackson als George Washington Williams in Legend of Tarzan (Bild: Warner Bros.)

Alexander Skarsgård als Lord Greystoke und Samuel L. Jackson als George Washington Williams in Legend of Tarzan (Bild: Warner Bros.)

George Washington Williams (gespielt von Samuel L. Jackson), der im Film quasi als Tarzans Sidekick dargestellt wird, basiert wie Léon Rom auf einer realen historischen Figur. Dessen Hintergrundgeschichte wird in The Legend of Tarzan mehrheitlich richtig dargestellt, kann jedoch dem Menschen nicht gerecht werden. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg war Williams der erste Afro-Amerikaner, der das Newton Theological College absolvierte und als Baptistenpfarrer geweiht wurde. Er war auch der erste Afro-Amerikaner, der in das Parlament des Staates Ohio gewählt wurde und wegweisende Geschichten über Afro-Amerikaner in den Vereinigten Staaten schrieb.

So wie in The Legend of Tarzan dargestellt, trotzte Williams König Leopold II. und begab sich in den Kongo-Freistaat geleitet. Dort erlebte er die Gräueltaten des Regimes aus erster Hand, und startete nach seiner Rückkehr eine Kampagne, um die Behandlung der afrikanischen Eingeborenen zu verbessern. Sein erster Schritt war es, einen Offenen Brief an den König zu schreiben, in dem er die Grausamkeit des Regimes von König Leopold II. verurteilte. Tatsächlich zitiert der Film sogar aus diesem Brief:

„Every charge which I am about to bring against your Majesty’s personal Government in the Congo has been carefully investigated; a list of competent and veracious witnesses, documents, letters, official records and data has been faithfully prepared, which will be deposited with Her Britannic Majesty’s Secretary of State for Foreign Affairs, until such time as an International Commission can be created with power to send for persons and papers, to administer oaths, and attest the truth or falsity of these charges.“

Auspeitschung: Mit der sogenannten Chicotte wurden im Kongo unter der Kolonialmacht der Belgier Einheimische brutal gezüchtigt. Die Peitsche bestand aus besonders strapazierfähiger Nilpferdhaut. Die Opfer des unmenschlichen Folterinstruments erlagen nicht selten ihren schweren Verletzungen. (via Spiegel Online)

Auspeitschung: Mit der sogenannten Chicotte wurden im Kongo unter der Kolonialmacht der Belgier Einheimische brutal gezüchtigt. Die Peitsche bestand aus besonders strapazierfähiger Nilpferdhaut. Die Opfer des unmenschlichen Folterinstruments erlagen nicht selten ihren schweren Verletzungen. (via Spiegel Online / einestages)

Mehr als ein Jahrhundert später ist die traurige Wahrheit, dass wir diese Grausamkeiten vergessen haben. König Leopold II. und sein unmenschliches Regime sind nur wenigen bekannt, erst recht nicht George Washington William. Die beiden Drehbuchautoren Adam Cozad und Craig Brewer trafen eine mutige Wahl, indem sie die Handlung von Legend of Tarzan in die von der Welt vernachlässigte und beschämende Vergangenheit setzten und Fiktion mit der schrecklichen Realität verschmelzen liessen. David Yates Film meistert diesen Balanceakt, indem er die Vergangenheit mit viel Feingefühl aufleben lässt, dabei zwar viele der wahren Gräueltaten auslässt (was leicht in einer FSK-18 Version hätte resultieren können), uns aber ein Gefühl für die Schreckensherrschaft des Regimes vermittelt.

Natürlich bleibt The Legend of Tarzan unter dem Strich ein Unterhaltungsprodukt, ein 180 Millionen teurer Sommer-Blockbuster, doch zumindest hat er hoffentlich in vielen von uns das Interesse und das Bewusstsein für die denkwürdige und verstörende Wahrheit der europäischen Kolonialvergangenheit geweckt.

The Legend of Tarzan (Kurzinhalt)

Vor Jahren hat der als Tarzan bekannte Brite (Alexander Skarsgård) den afrikanischen Dschungel verlassen, um als adliger John Clayton III, Lord Greystoke, mit seiner geliebten Frau Jane (Margot Robbie) ein standesgemäßes Leben zu führen. Jetzt wird er vom Parlament als Sonderbotschafter für Handelsfragen zurück in den Kongo geschickt, ohne zu ahnen, dass er nur als Schachfigur in einem tödlichen Komplott aus Rache und Habgier dienen soll – eingefädelt hat es der Belgier Captain Leon Rom (Christoph Waltz). Andererseits begreifen auch die Drahtzieher dieses mörderischen Plans nicht im mindesten, welche Lawine sie damit ins Rollen bringen. (Text: Warner Bros.)

Legend of Tarzan Szenenbild (Film, 2016)

(Bild: Warner Bros.)

Legend of Tarzan Szenenbild (Film, 2016)

(Bild: Warner Bros.)

Legend of Tarzan Szenenbild (Film, 2016)

(Bild: Warner Bros.)

Legend of Tarzan Szenenbild (Film, 2016)

(Bild: Warner Bros.)

(Quelle: Moviepilot.com)