#ZFF 2012 – Filmkritik zu SAVAGES

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Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Überträgt man dieses Sprichwort auf SAVAGES, würde es heissen: dieser Film ist nur so gut wie sein schwächstes Element. Überraschenderweise ist dieses schwächste Glied, die von Blake Lively verkörperte Figur der O.

Der Einstieg in den Film beginnt mit einem Off-Kommentar von O, in dem Sie sagt: “Just because I’m telling you this story… doesn’t mean I’m alive at the end of it.” (Nur weil ich euch diese Geschichte erzähle… bedeutet das nicht, dass ich am Ende noch lebe”). Ist das die Verfilmung von “Desperate Housewives”? Kaum hat der Film angefangen, fasst man sich schon zum ersten mal an den Kopf. Weiter geht es mit dümmlichen Monologzeilen wie “My real name’s Ophelia, but when I found out she was the bipolar bitch in Hamlet, I cut it down to just O…” (Mein echter Name ist Ophelia, aber als ich herausfand, dass das die manisch-depressive Hure in Hamlet war, hab ich ihn einfach auf O gekürzt…) oder “I had orgasms. He had “wargasms.” (Ich hatte Orgasmen. Er hatte Kriegsgasmen), um ihren Sex mit Chon zu beschreiben. Darauf reagiert man automatisch mit Kopfschütteln und Fremdschämen. Kein wirklich guter Einstieg.

Slice: SAVAGES (Blake Lively)

Dabei wollte uns O doch nur erzählen, wie die beiden Schulfreunde Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Johnson) dazu gekommen sind, das beste Hanf der Welt anzupflanzen und gleichzeitig eine Dreiecksbeziehung mit ihr einzugehen. Chon war zudem durch zwei Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan seelisch verkrüppelt (daher die Wargasm-Geschichte) und der perfekte Mann für die schmutzigen Seiten dieses Geschäfts.

Nach diesem holprigen Einstieg wird’s zum Glück besser. Man lernt die Schergen eines berüchtigten mexikanischen Drogenkartells kennen, welches von der schönen Elena (Salma Hayek) angeführt wird. Ihr Mann für die Drecksarbeit ist der schonungslose soziopath Lado, der dank einer weiteren genialen schauspielerischen Darstellung von Benicio Del Toro zum eigentlichen Highlight des Films gerät. Das Drogenkartell hat es auf Ben und Chons lukratives Geschäft abgesehen, da es seinerseits selber von einem konkurrienden Kartell stark in Bedrängnis geraten ist. Warum man sich dabei ausgerechnet auf das Marihuana-Geschäft stürzt (was ist mit Kokain und künstlichen Drogen?), wird einem nicht offenbart. Überhaupt ist der SAVAGES ein einziger Marihuana-Werbespot. Als die mexikanische Mafia schliesslich O kidnappen, ziehen die beiden Drogendealer Chon & Ben gegen das Kartell in den Krieg.

Filmszene: SAVAGES

Seine besten Momente bezieht der Film im Mittelteil, wenn die Kacke so richtig am dampfen ist und Charaktere, Story und Action so richtig in fahrt kommen. Zwar bleibt es in regelmässigen Abständen weiterhin unfreiwillig komisch, wenn beispielsweise Hayeks Charakter Elena, immerhin Kopf eines brutalen und rücksichtslosen Drogenrings, plötzlich mütterliche Gefühlen erliegt und dadurch völlig irrational zu handeln beginnt. Es wäre viel faszinierender gewesen, wenn ihr Charakter durch und durch kaltblütig geblieben wäre. Wann sonst hat man die Gelegenheit, einen weiblichen Mafiaboss in einem Film zu sehen? Hayek kämpft so aber mühevoll gegen ein ziemlich mieses Script an.

Etwas besser ist es den anderen Haupdarstellern Taylor Kitsch (JOHN CARTER) und Aaron Johnson (KICK-ASS) sowie Schauspiel-Legende John Travolta, der in SAVAGES in einer Nebenrolle als korrupter FBI-Agent zu sehen ist, ergangen. Das Drehbuch gibt ihnen zwar kaum Gelegenheit zu glänzen, doch immerhin gelingen ein paar solide Darbietungen. Wirklich herauszustechen vermag indes nur Benicio Del Doro als irrer Lado.

SAVAGES (2012)

Das Ende des Films wartet schliesslich mit einem vermeintlichen Romeo & Julia (&Romeo) Finale auf, nur um es zugunsten eines Happy Endings gleich wieder zu verwerfen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt geht die Glaubwürdigkeit des Films vollends verloren.

Regisseur Oliver Stone (PLATTOON, WALL STREET) galt einst als visionärer Filmemacher. Doch als Quentin Tarantino 1994 mit PULP FICTION Hollywood komplett auf den Kopf gestellt hat, wurde aus dem Vormacher Stone ein Nachahmer. Auch SAVAGES ist ein verkrüppelter Tarantino-Film, der zwar mit tollem Cast, geschliffenen Bildern und gewaltiger/gewalttätiger Action zu trumpfen vermag, jedoch in Sachen cooler Dialoge absolut abstinkt. Stone hat in SAVAGES sogar John Travolta und Uma Thurman (als O’s Mutter) wiedervereinen können, doch Thurmans Szenen fielen letztlich alle der Schere zum Opfer.

Dabei hätte Stone viel lieber seinen Aufhänger mit O’s Entführung fallen gelassen. Dann hätte aus SAVAGES ein lupenreiner Thriller im Stile von DONNIE BRASCO, HEAT oder TRAFFIC – DAS KARTELL werden können.