Django Unchained

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Quentin Tarantino ist ein echter Filmkenner und vor allem auch Filmfan. Seine Liebe zu den verschiedensten Genres, gerne auch mal für tot erklärte, hat er mit JACKIE BROWN (Blaxploitation), KILL BILL (Kung Fu), INGLORIOUS BASTERDS (Kriegsfilme) schon mehrfach bewiesen. Jetzt erweist der Meister dem Spaghetti-Western die Ehre.

Wenn sich Quentin Tarantino vor einem Filmgenre verneigt, dann tut er dies immer mit Herzblut und purer Leidenschaft. Mit DJANGO UNCHAINED bringt er uns ein Genre zurück, dass seit gut vierzig Jahren in der Mottenkiste lag: Den Spaghetti-Western. Mit diesem Ausdruck ist ein Subgenre des Westernfilms gemeint, welches in den Siebzigerjahren in Italien entstanden ist. Deshalb der Name, übrigens auch bekannt als Italo-Western. Die Macher hatten zum Ziel, Westernfilme möglichst günstig zu produzieren. Dabei verliehen sie ihm auch gleich ein neues Gesicht, in dem sie vom Hollywood-üblichen Gut-gegen-Böse Schema abwichen und sogenannte Anti-Helden schufen. Die bekanntesten Vertreter des Spaghetti-Westerns sind in erster Linie Sergio Leones „Dollar-Trilogie“ FÜR EIND HANDVOLL DOLLAR, GLORREICHE HALUNKEN und SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, aber auch Bud Spencer & Terrence Hill Filme wie DIE LINKE UND DIE RECHTE HAND DES TEUFELS. Als Hauptinspiration für DJANGO UNCHAINED dienten Tarantino neben den Sergio Leone Filmen, offensichtlich Sergio Corbuccis DJANGO mit Franco Nero in der titelgebenden Rolle.

Filmszene: DJANGO UNCHAINED (2012)

Quentin Tarantinos DJANGO UNCHAINED beginnt mit einer Sklaven-Karawane, der von einem Sklavenmarkt quer durch den Süden der USA auf eine Baumwollplantage führt. Wer den einen oder anderen Filmtrailer schon gesehen hat, weiss, dass diese Karawane plötzlich von einem Deutschen Zahnarzt namens Dr. King Schultz (Christopher Waltz) aufgehalten wird. Er kauft den Sklaven Django (Jamie Foxx) frei, weil er mit dessen Hilfe ein paar Verbrecher zur Strecke bringen will, die steckbrieflich gesucht werden und sich auf einer Baumwollplantage als Aufseher verdingen. Nur einer unter den Sklaven weiss, wie die Kerle aussehen. Und so ist Schultz, der vermeintliche Zahnarzt und Kopfgeldjäger in spe auf seine Hilfe angewiesen. Django soll im Gegenzug seine Freiheit wieder bekommen. Nach dem erfolgreich ausgeführtem Job, nimmt Dr. Schultz den ehemaligen Sklaven unter seine Fittiche und will aus ihm seinen Partner für die beginnende Wintersaison machen. Danach will er Django helfen, seine Frau aus den Fittichen des egozentrischen Grossgrundbesitzers Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu befreien.

Filmszene: DJANGO UNCHAINED (2012)

Die Eröffnung des Films meistert Tarantino bravourös. Dr. Schultz’s eingangs erwähnte Begegnung mit der Sklavenkarawane, bzw. mit den Sklavenhaltern, ist absolut köstlich. Wenn die Cowboys beispielsweise anknurren, er solle gefälligst englisch sprechen, entschuldigt sich der distinguierte Gentleman Schultz dafür mit der Rechtfertigung, sein (perfektes) englisch sei für ihn als Deutschen halt eine Fremdsprache. Auch der weitere Verlauf als Duo Infernale auf Kopfgeldjagd ist furios und geprägt durch den Tarantino-typischen Mix aus genialen Dialogzeilen, gesprochen von spannenden Charakteren, gespielt von begnadeten Schauspielern und untermalt von erbarmungslos brutaler Action. Leider geil.

In der zweiten Filmhälfte widmet sich Tarantino dann voll und ganz dem Aufeinandertreffen zwischen Django/Schultz und dem egozentrischen und eitlen Bösewicht Calvin Candie, der sich gerne mit Monsieur Candie ansprechen lässt. Um Djangos schöne Frau Broomhilda aus den Fängen des Plantagenbesitzers zu befreien, plant das Zweiergespann ein durchdachtes Rollenspiel, der die wahren Intentionen der beiden im Dunkeln lassen soll. Denn Candie würde niemals eine Sklavin einfach so verkaufen. Der Plan sieht vor, dass sich Schultz als gelangweilter Europäer einen Mandingo-Kämpfer von Candie erkaufen will. Mandingo ist ein blutiger Kampfsport, bei dem zwei Sklaven auf Leben und Tod gegeneinander ringen müssen. Djangos Tarnung sieht vor, dass er Schultz in in Form eines schwarzen Sklavenhändlers und Mandingo-Experten bei dem Kauf beraten soll. Ganz nebenbei soll Broomhilda, die zufälligerweise bei deutschen Plantagenbesitzern aufgewachsen ist und deshalb deutsch sprechen kann und deshalb für Schultz ebenfalls von Interesse sein soll, dazu gekauft werden. Doch die Ausführung ihres waghalsigen Befreiungsplans erweist sich als verzwickter als gedacht. Denn da ist noch Candies treuer und äusserst misstrauischer “Hausneger” Stephen (Samuel L. Jackson).

Filmszene: DJANGO UNCHAINED (2012)

In DJANGO UNCHAINED spielt Tarantino gekonnt mit den typischen Spielmitteln des Western und zwar sowohl des klassischen amerikanischen Westernfilms wie Totalen als auch des Spaghetti-Westerns wie Nah- und Detailaufnahmen. Diese westernüblichen Stilmittel vermischt er mit seinen eigenen Stilmerkmalen und legt, wie man sich das bei ihm gewohnt ist, einen exzellenten Soundtrack darüber. So ertappt man sich schon mal dabei, dass man in diesem Western auch mal zum Beat mit dem Kopf nickt, wenn dabei 100 Black Coffins von Rick Ross ertönt. Und wie so oft in seinen Filmen, laufen die Schauspieler auch in DJANGO UNCHAINED praktisch im Paket zu Höchstleistungen auf. Mal gehört die Leinwand Christoph Waltz, mal gehört sie Jamie Foxx, mal Leonardo DiCaprio und selbstverständlich gehört sie mehr als einmal auch Samuel L. Jackson, der schon in Tarantinos Kultfilm PULP FICTION allen die Show stahl. Und selbst Miami Vice Playboy Don Johnson ist in seinem Gastauftritt als geldgeiler Plantagenbesitzer mit seinem starkem Südstaaten-Akzent kaum wieder zu erkennen. Köstlich!

Der Film lebt – ebenfalls ein Markenzeichen von Meister Quentin Tarantino – von der speziellen Mischung aus grossen Lachern und grosser Brutalität. Manchmal auch beides gleichzeitig.

Filmszene: DJANGO UNCHAINED (2012)

In der zweiten Filmhälfte gibt es eine lange Szene zu Tisch, die das Tempo des Films merklich drosselt und teilweise sogar etwas schleppend wirkt. Das anschliessende Finale mit einem ultrabrutalen Shootout ist hingegen wieder grossartig. Dem Film wird wegen des krassen gebrauchs des Wortes Nigger u.a. vom renommierten Filmemacher Spike Lee Rassismus vorgeworfen, aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall. DJANGO UNCHAINED ist nicht nur ein Western, sondern auch ein Blaxploitation Film im Stil von SHAFT.

Und wenn zum Schluss Franco Micalizzis “Trinity” aus dem Terrence Hill / Bud Spencer Klassiker DIE LINKE UND DIE RECHTE HAND DES TEUFELS gespielt wird, ist noch mal richtig Gänsehaut-Feeling angesagt.